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Sexualität - Naturgabe und Sammelbegriff

Niemand entflieht der Natur, gleich, welche Botschaften dieser Tage gepredigt werden. Die Menschen haben und hatten geschlechtliche Begierden aller Art, und sie hatten sie „unsortiert“, wenn ich es einmal so flapsig sagen darf.

Ich las gerade (nicht zum ersten Mal), dass sich „die Sexualität“ als Sammelbegriff und mit all seinen Differenzierungen erst im 18. Jahrhundert herausbildete. Und als im 19. Jahrhundert jede Neigung unter die Lupe genommen und forensisch seziert wurde, bekamen wir die Etiketten geliefert (1), die wir uns heute anstecken sollen oder gar müssen.

Müssen wir das wirklich? Sind Männer so, Frauen hingegen so? Versinken wir alle in einem großen Topf der Lust, wenn wir die Etiketten wieder ablegen?

Der Zeitgeist schafft Etiketten - unterordnen müssen wir uns nicht

Die Sexualität als solche, so höre ich, existiere begrifflich erst seit etwa 250 Jahren. Das mag sein, aber Begriffe wie die „Heterosexualität“ sind erst gut 150 Jahre alt. Und überhaupt – warum sollten wir uns eigentlich über unsere Sexualität definieren müssen? Liegt ein Grund dafür vor? Die Theorie, die dahintersteht, ist fast genau 100 Jahre alt (2). Sie mag heute noch für einen Personalchef wichtig sein, der einen Außendienstmitarbeiter einstellen will, aber sie ist keine Theorie, die uns als Menschen qualifiziert.

(1) Zum Beispiel die Trennung der sexuellen Ausrichtungen.
(2) Von Carl Gustav Jung.

Die Natur und die Liebe

Die Natur schafft Lebewesen ...
Wir müssen reden. Über die Liebe. Ja, über die Liebe.

Zunächst sollten wir feststellen, dass wir zu allererst Teil der Natur sind. Noch bevor wir im Ansatz denken konnten, waren wir Natur. Ich habe neulich einen Säugling auf dem Arm der Mutter gesehen – ich sehe wenige kleine Kinder, weil ich nicht dort bin, wo sie sind. Er unterschied sich im Verhalten nicht sehr von meinem Lieblings-Gorillababy im Leipziger Zoo (oben).

Wir sind ein Teil der Natur

Nachdem ich dies gesagt habe, wiederhole ich: Wir sind ein Teil der Natur, und die Natur bleibt in uns. Sie verabschiedet sich nicht eines Tages und sagt: „Ach ich schäme mich so für dich, Geisteswesen, deswegen hau ich jetzt ab.“ Im Gegenteil: Sie fordert ihre Rechte.

Die Mehrheit sieht die Liebe als ihr "eigen" an

Ich denke, für 90 Prozent der Bevölkerung (wenn nicht noch mehr) ist die Liebe eine wundervolle, wenngleich nicht leicht zu erwerbende Wonne, die auf naturgegebenen, vom Geist etwas modifizierten Regeln beruht. Liebe ist für uns so gut wie immer Nähe, Innigkeit der Gefühle, intime Berührung. Wer Liebe lediglich als Sozialkitt begreift, liegt zwar nicht falsch, denn auch die Rudel- oder Familienbindung stammt von der Natur – sozusagen „jede Spezies nach ihrer Art“. In der Form des reinen „Zusammenhalts“ finden wir in der Soziologie. Dort wird Liebe gelegentlich „als ein gesellschaftlich wirkendes Symbol für Interaktionen betrachtet“ – schon die Wortwahl zeigt: Da werden Gefühle verschleiert und Worten wird eine neue Bedeutung gegeben, um eine Theorie daraus abzuleiten. Humpty Dumpty (1) lässt grüßen.

Nur wenige vereinnahmen die Liebe für sich

Womit wir bei den zehn Prozent wären, für die Liebe nichts Sinnliches ist. Zu ihnen gehören Soziologen, Sophisten und Pfarrer. Die Soziologen und Sophisten sezieren die Liebe, bis sie letztlich leblos am Boden liegt, und die Pfarrer interpretieren das Liebesgebot ihres Religionsstifters – aber so, als ob es eben nicht zur Natur gehöre.

„Liebe“ ist in Wahrheit kein Wert „an sich“, sondern die Bedeutung und damit der Wert der Liebe entsteht durch uns selbst. Durch unsere Entwicklung, namentlich durch die Qualität unsere Begegnungen von Jugend an.

Wie Liebe erfahren wird

Wer in der Jugend kaum Liebe erlebt hat, hält sie für ein begehrenswertes Gut, das später teuer erkauft werden muss: durch Wohlanstand, Gefälligkeiten und gelegentlich auch durch Geschenke. Wenn jemand weiterhin daran scheitert, Liebe zu erwerben, läuft er Gefahr, in Abhängigkeiten zu geraten, die ihn bedrohen.

Anders jene, die in ihrer Jugend alle Liebe dieser Welt geschenkt bekamen. Sie bleiben unbekümmert und wundern sich, wenn jemand für die Liebe einen Wegzoll fordert. Obgleich sie sich anzupassen wissen, verweigern sie doch die Forderung nach „Liebe nur bei Leistung oder Wohlverhalten“. Weil sie sich beständig weigern, sich den Gesetzen des Wohlwollens zu unterwerfen, erschaffen sie sich selbst als Persönlichkeit. Und werden geliebt, weil sie Persönlichkeiten geworden sind.

Sicher – beide Wege sind extrem dargestellt. Das Beispiel soll auch nur zeigen, dass Liebe höchst individuell erlebt wird und keinem „Wertesystem“ folgt.

Zuneigung ist ein Element der Natur, das nicht untersucht werden muss. Es ist Natur pur, mal Zufall, mal das Ergebnis einer langen Suche. Und Liebe ist nach wie vor das Wort, das wir für die innige Zuneigung nutzen sollten. Auf andere Definition können wir wirklich verzichten.

(1) Nach Lewis Carroll. Humpty Dumpty sagt, er könne jedem Wort die Bedeutung geben, die er sich wünscht. "The Question is, which is to be master - thats's all.

Die absolute Hingabe

Einst eine Erwartung, heute umstritten: die Hingabe
Was eine Hingabe eigentlich bedeutet, ist im Deutschen nicht völlig klar. Grimms Deutsches Wörterbuch (1) sagt aus, dass die Hingabe“ nach „neueren Quellen“ die „Hingebung in Liebe“ bedeute. Ursprünglich war die Hingabe eines Gutes gemeint, im Extremfall die Hingabe der Freiheit. Im weiteren Sinne überwiegen aber Bezüge, die mit der Liebe zur Kunst oder zu einem Menschen zusammenhängen. So wurde in Teilen Deutschlands auch die Verlobung der Frau als „Hingabe“ bezeichnet. Ein anderer Begriff dafür wäre das ebenso altertümliche Wort „die Preisgebung“(2). Das Wort „Hingabe“ wird nicht immer positiv bewertet, und im 19. Jahrhundert lesen wir gar, dass „Prostitution die gewerbsmäßig betriebene Hingabe“ sei.

Sich hemmungslos hingeben?

Was bedeutete es nun, sich jemandem „hemmungslos“, „absolut“ oder „völlig“ hinzugeben?

Die Redensart kommt in modernen, schnell dahingeschriebenen Liebesromanen vor. Nachdem die Partnerin in irgendeiner Weise sexuelle erregt wurde, gibt sie sich ihm/ihr unvermittelt „völlig hin“.

Hemmungslose Geilheit ?

Gemeint ist zumeist, dass ihre Geilheit auf einem Punkt angekommen war, an dem sie an nichts anderes mehr dachte, als befriedigt zu werden. Das heißt: alle Gedanken an die Begleitumstände, und damit auch alle eventuell vorhandenen Bedenken waren plötzlich verschwunden. Mit ihnen vergingen dann auch die eigenen Wünsche und Vorstellungen.

Die völlige Hingabe ist – wenn sie nicht gespielt wird oder durch romantische Verzückung mental gestützt wird – eine Folge des Einsatzes körpereigener Drogen, also an sich etwas völlig Natürliches. Die Natur drängt ihre Geschöpfe, einen einmal eingeleiteten Geschlechtsakt in jedem Fall zu vollenden und versucht daher, den Rückzug in jedem Fall zu vereiteln.

Einfache Formel für die Hingabe


Oder, sehr einfach:


Je weniger der Geschlechtsakt durch Gedanken „gestört“ wird, umso größer ist die Möglichkeit der „absoluten Hingabe“.

Die Hingabe als ideologische Unmöglichkeit

Aus der Sicht der „Neusprech-Bewegung“, die für „soziale Korrektheit“ sorgen will, ist die die Lust, sich hinzugeben, ein Tabu. Die Vertreter dieser Philosophie sehen im Geschlechtsakt einen gleichberechtigten, durchgängig bewussten Prozess. Jede Form von Asymmetrie wird dabei ausgeschlossen, und Hingabe wird in diesem Zusammenhang mit „Unterwerfung“ gleichgesetzt. Erstaunlich dabei ist, wie Menschen in ihrem Lusttaumel noch „psychische Prozesse“ oder gar Feinheiten des „neuen Lust-Knigges“ wahrnehmen wollen. Und um es zu verdeutlichen: Hier ist nicht von SM-Aktivitäten die Rede, sondern von der reinen, unverfälschten Begierde gewöhnlicher Paare.

Psychologie und Esoterik als Helfer für die Hingabe?

Manche Psychologen sagen, die Hingabe sei ein „psychischer Prozess“, der erlernt werden könne, weil die Hingabe etwas mit „Urvertrauen“ zu tun habe. Das mag stimmen, wird aber zur Farce, wenn es mit zu viel esoterischem Unsinn ummantelt wird. Natürliche Prozesse wie die Hingabe kann man durch psychische Hemmungen, falsches Lernen, verinnerliche Ideologien, Ängste vor den Folgen oder Gedankenkonstruktionen verhindern. Es mag verschiedene Meinungen dazu geben, wie sie sich auflösen lassen – doch sicher nicht dadurch, dass man behauptet, man müsse neue veränderte psychische oder esoterische Methoden entwickeln, um dies zu tun.

Männer, analer Zugang und SM-Spiele

Nicht ausschließlich Frauen, auch Männer haben gelegentlich Vorbehalte unterschiedlicher Art, sich „absolut hinzugeben“, und sie drücken sich je nach Art und Veranlagung so aus, dass sich der Penis nicht versteift oder die Ejakulation gehemmt ist. Die größten Vorbehalte haben Männer immer dann, wenn sie selbst (anal) penetriert werden sollen – das betrifft auch heterosexuelle Männer, die sich auf Rollenspiele oder Pegging einlassen.

Hingabe gleich Kapitulation?

Hingabe, das Hingeben oder Aufgeben, auch die „Kapitulation“, wie man wörtlich übersetzt im Englischen sagen würde, sind Reizwörter, weil sie in einem Zusammenhang mit Macht, Aufgabe der Macht und sogar Ohnmacht verwendet werden. Die Forderung, sich hinzugeben, ist deshalb ehrenrührig, der Wunsch, sich hinzugeben, aber durchaus vorhanden und ein Beweis des Selbstbewusstseins. Denn nur derjenige oder diejenige wird sich lustvoll hingeben, der/die weiß, dass der nächste Tag wieder die Person hervorbringt, die man zuvor darstellte.

Lösung: sich der animalischen Natur bewusst werden

Es gilt also, wie so oft in der Liebe, sich seiner animalischen Natur bewusst zu sein und sie mit der Lust und der Realität verbinden zu können. Das ist allemal hilfreicher als jede Diskussion um die Berechtigung der Hingabe.

Es ist eine große Aufgabe – möglicherweise eine, die viele Jahre in Anspruch nimmt – und wohl dem, der dabei eine einfühlsame Partnerin oder einen entsprechenden Partner hat.

(1) Bei Grimm - nachlesen.
(2) Preisgebung ist noch stärker als "Hingabe" mit dem Begriff "sich als Beute hingeben" verbunden. Weitere Gedanken zur Hingabe und zum Konflikt um den Wortgebrauch in DIE ZEIT.
Bild: Buchillustration,oberer Teil des Bildes, ca. 1925

Sexualaufklärung durch Pornografie?

Nicht jede Filmszene im Bett ist "pornografisch"
Sexualität muss Offenheit vertragen – das ist die Essenz eines Artikel in der “TeenVogue”, denn die spricht aus, was ohnehin die Spatzen von den Dächern pfeifen. Selbst sehr junge Frauen informieren sich nicht mehr über die traditionellen Kanäle der Sexualaufklärung, sondern über Pornografie – was keinesfalls zu befürworten ist.

Das Problem ist schnell erkannt: Pornografie interessiert die jungen Mädchen nicht wirklich - aber sie suchen nach der Wahrheit, die ihnen von Eltern und Erziehern vorenthalten wird. Denn Sex-Ed, also Sexualkundeunterricht, bleibt in der Schule naturgemäß an der Oberfläche. Das Ziel ist zu wissen, wie alles ganz genau funktioniert, insbesondere, in welche Situationen der Mensch beim Sex kommt und was dabei wünschenswert ist.

Nun ist Pornografie allerdings ein schlechter Lehrmeister. Denn in hier wird zu rau, zu direkt und zu übertrieben gezeigt, was körperliche Liebe bedeutet. Zudem kommen ständig Praktiken zum Einsatz, mit denen gerade junge Frauen völlig überfordert sind – zum Beispiel mit Fellatio.

Doch was ist der beste Weg, um etwas über Sexualität zu lernen? Das sei ganz einfach, meint eine namhafte Expertin. Man müsse mehr über Sex sprechen, und zwar offen und öffentlich. Denn ob es sich um Sexualität dreht oder um irgendwelche anderen sozialen oder emotionalen Fragen – immer gilt, dass nur die Wahrheit uns die Freiheit gibt, uns zu entwickeln, wie und wohin wir wollen.