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 Liebeszeitung - Liebe, Lust und Sex

Wir sehen, was wir fühlen wollen

Man(n) sieht das, was man (oder er) fühlt
"Wir sehen, was wir fühlen wollen" ist ein Artikel über Ereignisse, Körper und Gegenstände, die sinnliche Begierden beim Menschen erzeugen. Absolut stinknormale Menschen finden sich ebenso wieder wie solche, die besondere Vorlieben haben.

Gegenstände sind nur Gegenstände und Körperteile nur Körperteile. Wir haben Namen für sie, und einige benutzen wir emotionslos: Dort ist ein Tisch, ein Regal, eine Mauer, eine Rippe, eine Zehe.

Der Gegenstand enthält die Botschaft zum Fühlen

Bei andern gelingt uns dies nicht: Ein dunkler Keller kann Emotionen auslösen - ebenso wie ein erotisches Schlafzimmer. Für einige von uns ist ein Teppichklopfer ein antiquiertes Gerät, um einen Teppich zu entstauben, für andere eine schmerzvolle Erinnerung an eine Züchtigung.

Sport als Folter und Körperertüchtigung

Nicht alle Gegenstände bedeuten für alle das Gleiche. Ein Pfannenwender wird von der Köchin emotionslos benutzt, während der Schmerzliebhaber darin das allzeit verfügbare Instrument für die ersehnten Schläge sieht. Ähnlich mag es manchen Menschen bei Wäscheklammern gehen. Ich weiß sicher, dass einige Frauen und Männer in Barren, Böcken, Recks und Ringen Folterinstrumente sahen, die sie noch viel Jahre verfolgten. Andere begeisterten sich daran, ihre Körper damit sinnlos zu schinden, um am Ende Urkunden zu erhalten.

Der menschliche Körper, Worte und Botschaften

Körperteile, selbst die Harmlosen wie Achselhöhlen oder Füße, erregen manche Menschen, obgleich sie andere völlig kalt lassen. Anders bei Brüsten, Schamlippen, dem Penis oder den Hodensäcken. Sie zu betrachten, kann tatsächlich keine Emotionen auslösen – Gynäkologen oder Urologen (und -innen) sehen dies auf diese Art. Liebende auf eine völlig andere Art und prüde Menschen noch einmal völlig anders. Deutlich wird dabei vor allem: Was wir fühlen, ist abhängig davon, wie wir etwas sehen.

Unklar: Von manchen Fetischen träumen (fast) alle

Merkwürdig ist allerdings, dass viele Menschen von Körperteilen, Gegenständen oder Materialien erregt werden, ohne Masochisten oder Fetischistin zu sein. Die gewisse Faszination, die von Peitschen, Lederbekleidung, Uniformen oder einer „sinnlichen Ausstrahlung“ ausgeht, erregt nahezu jeden Menschen. Männer sind begeistert von Brüsten oder Gesäßen, Beinen oder einfach einem „femininen“ Verhalten.

Alles, woran du jetzt denken magst, bekommt die endgültige Bedeutung erst durch die Person, die den Körper präsentiert oder die Kleidung trägt. Der kommende Schmerz, auf den der Masochist wartet, wird erst wahr, wenn das Gerät aufgenommen wird.

Die Nähe, die Liebe, die Lust und der Schmerz

Als Beispiel wähle ich Wartebergs Nervenrad. Der naive Betrachter sieht darin eine Art aufwendiges Teigrädchen mit merkwürdig scharfen Zacken. In Wahrheit diente es den Neurologen der Vergangenheit dazu, die Funktionsfähigkeit der Nerven festzustellen. Schmerzte es beim Hinüberrollen unter Druck, so war dies ein Anzeichen für Gesundheit. Nehmen wir einmal an, es würde heute noch benutzt. Dann würdest du den Arzt beobachten und aufschreien, wenn du einen Schmerz fühlst. Ähnlich geht es vielen Patienten heute bei der Elektroneurografie oder bei der Behandlung des Zahnnervs.

Wie kommt es also, dass uns eine Sonde im Po, eine Elektroneurografie oder der Einstich einer Spritze bei der Blutentnahme niemanden erfreut, während andere Schmerzen und Eingriffe uns erotisch erregen können?

Die Person und das Spiel mit der Fantasie

Im Grunde ist es einfach. Wenn du an der Person nicht interessiert bist, die dir Schmerzen zufügt oder dich in andrer Weise herausfordert, bekommst du auch keine Lust. Hast du aber eine intime Beziehung zu der Person, so kann es sein, dass der Schmerz, die Pein oder ein anderer Umstand in dir neben Schmerz auch Lust erzeugt. Das gilt sogar dann, wenn die Person eine sogenannte „Domina“ ist. Sie trägt ihre Erotik zur Schau und simuliert eine Beziehung, solange sie dich „behandelt“. Zwischen dem Laienspiel, das eine Freundin oder Ehefrau mit dem männlichen Masochisten zelebriert, und dem professionellen Rollenspiel der Domina gibt es nur wenig Unterschiede. Einer davon ist der willkürliche Wechsel vom Alltag ins frivole Spiel und umgekehrt.

Schon die Erwartung eines erotischen Schmerzes, einer erotischen Strafe oder einer peinlichen Situation kann bei den Liebhabern besonderer Rollenspiele Reaktionen auslösen. Sie zittern oft, solange Lust und Furcht gemeinsam wirksam werden. Ganz typisch ist das bei der Ankündigung einer Körperstrafe. Manche dominanten Personen lassen den Masochisten lange warten, und erregen ihn damit, frustrieren ihn aber auch.

Das Grausen und das Entsetzen - Giftschrank der Erotik?

Aus dieser Sicht wird auch deutlich, warum viele Masochisten begeistert, was ein anderer Mensch nur mit Grausen ansieht: die erotische Folter. Es kostet eine Menge Überwindung, sich ihr auszusetzen - und selbstverständlich geht das nur bei vollem Vertrauen in den Partner. Die erotische Folter oder die Rolle des „erotischen Gefangenen“ wird allerdings nicht nur von typischen Masochisten ausgeübt - es ist eine Art Herausforderung an den eigenen Körper oder die eigenen Emotionen, dem Leistungssport nicht unähnlich. Und falls die Lust am Schmerz zur Abhängigkeit von einem Menschen wird, ist sie ausgesprochen gefährlich – auch das muss leider gesagt werden.

Was wir sehen und dabei empfinden, ist oftmals bereits das, was wir erleben wollen - oder befürchten, erleben zu müssen. Ob die Zehen einer Frau, der Rohrstock oder die Holme eines Barrens, das Lederkleid oder der Spitzen-BH, an allem hängen Hoffnungen, Erwartungen oder eben auch Befürchtungen.

Farbenrausch im Liebesleben?

Helle Haut, rötliche Töne - der Klassiker
Alle Schattierungen von Rot? Oder gar die von Grau? Lila als „letzter Versuch“? Eifersüchtiges Gelb für die Zicke in dir? Blau zu Blond? Und welche Hauttönung harmoniert mit welcher Farbe, um dem Mann Lust zu bereiten?

Apropos Männer: Farben sind mal wieder nicht angesagt. Und Pants mit Comic-Figuren schon gar nicht.

Das Schlafzimmer - nie was los, aber für Sex farbig dekorieren?

Sogenannte „Studien“ beschäftigen sich zumeist mit den Wänden des Schlafzimmers, wenn von Erotik die Rede ist. Paare, die im Schlafzimmer wirklich schlafen und ihre Lust in einen speziellen Raum verlagern, sind selten – schon wegen der Mietpreise. Und auf diese Weise dienen Schlafzimmer etwa acht Stunden zum Schlafen und gefühlte 20 Minuten zum Sex. Was wieder bedeutet: Sie werden vernachlässigt. Besucher oder Besucherinnen werden stets in reinliche, gelüftete Schlafzimmer mit sorgfältig auf „Nullaktivitäten“ gestylten Betten geführt. Falls das Schlafzimmer wirklich langweilig in Weiß oder Hellgrau gehalten sein sollte: Dekorieren kannst du auch mit Licht. Rote LEDs, geschickt drapiert, erzeugen die Illusion von Wollust besser als jede Tapete.

Das Schlafzimmer, die Farbgebung und Du

Soweit die Schlafzimmer. Als eins frechen, intellektuell behauchten Journals noch „Kontaktanzeigen“ führte, war eine der Fragen: „Was wird dein Partner in deinem Schlafzimmer finden?“ Wer nicht viel nachdenken wollte, antwortete: „Mich“.

Immerhin ein Wink mit dem erotischen Zaunpfahl. Also dich – in welcher Farbe, vor welchem Hintergrund?

Ein fahler, rosiger Hautton auf weißen Linnen im grauen Interieur?
Oder ein wunderschönes Rostbraun als Hautton im gleichen Schlafzimmer?

Wie wirken die Töne zusammen?

Dunkle Haut und Gold - hervorragende Wirkung
Das Erste, was du in Augenschein nehmen könntest, wäre die Kleidung, mit der du verführen willst. Auf „weißer“ Haut wirken nahezu alle dunklen Rottöne, alle Schattierungen von dunklem Violett und auch schwarz. Ist deine Haut dunkel, so stehen noch helle Rottöne, sanftes Lila, Gold und Weiß zur Verfügung.

Die Annahme, weiß oder schwarz seien unerotisch, basiert auf einem Irrtum: Es kommt auf die Hautfarbe an. Weiß für eine sorgfältig geschminkte Braut mit einem dunklen Teint ist unglaublich erotisch – auch wenn die „Braut“ gar keine ist. Und für dunkelhäutige Frauen ist weiß einfach fantastisch als Kontrast. Auf weißer oder nicht zu dunkler farbiger Haut wirkt Schwarz ebenfalls erotisierend – wegen der Kontraste.

Einfarbige Laken wirken am besten – vor allem in Schwarz, Rot oder Gold. Die Wirkung ist wieder etwas abhängig von der Hautfarbe und den duftigen „Teilchen“, die du im Bett noch tragen willst.

Mit dem Hautton beginnen - die Basis weiterer Farben

Ton-in-Ton für helle Haut
Die Antwort ist also: Beginne mit deiner Hauttönung. Je mehr sie zu „Weiß-Rosa“ oder Dunkelbraun tendiert, umso mehr Kontrast kannst du dir leisten, um erotische Spannung zu erzeugen. Wenn du Pastelltöne verwendest, kann dies zur erotischen Romantik beitragen, also zur „nachhaltigen Verführung“.

Ein Zimmer mit roten Tapeten und goldenen Akzenten wirkt spontan besonders erotisch. Eine Kombination von Rosa- und Lilatönen hingegen eher sinnlich-feminin. In diesem Fall wäre die Frage: Fühlst du dich selbst wohl, wenn das Schlafzimmer allzeit wie ein Liebeszimmer aussieht?

Männer sehen das Gesamtbild

Der Mann – um auf ihn zurückzukommen – sieht das Gesamtbild: Dich, das, was du trägst, dann das, worauf du sitzt oder liegst und erst dann das Zimmer. Falls das Licht beim Sex nicht gleißend hell ist, wird er möglicherweise recht wenig vom Liebesort sehen. Aber ihm wird sicher auffallen, wenn etwas Erotisches mit voller Absicht an Wänden oder auf Gegenständen drapiert wird. Damit kannst du eher etwas erreichen als mit einer einheitlichen Farbgebung.

Und bestehende Paare?

Klar – für „bestehende Paare“ gilt, dass sie dann und wann etwas verändern könnten, um die Lust anzuheizen. Da empfehlen sich Paravents, die jeden Raum intimer erschienen lassen, bestimmte „Frivolitäten“ und Anregungen, um etwas Neues zu probieren. Manche Ehefrauen bestellen sich unverschämt frivole Dessous, andere versuchen es mit ungewöhnlichen Materialien, und ganz mutige lassen bewusst ihre „Spielzeuge“ liegen. Immer noch modern ist, ein bisschen mit dem Gedanken an Mr. Grey zu experimentieren. Dann entstehen die Farben im Hirn – leuchtender als an der Wand. Was der Pfannenwender neben den Plüschhandschellen auf dem auf Nachttisch tut? Ich denke, eure Männern werden nachfragen – oder?

Frau will … ja was denn?

Subjekt der Lust oder Objekt der Begierde?
Die Frau will in der heutigen Gesellschaft als „ganze Person“ gesehen werden. Das heißt, die anderen – Frauen wie Männer – sollen alle Aspekte ihrer Person betrachten, und sie danach einschätzen. Das lässt sich noch etwas nachschärfen: Die Aspekte, die offenkundig sind und die Aspekte, die sie gerne vermitteln würde.

Wenn es um ihre erotische Ausstrahlung geht, dann will sie …

Begehrtes Subjekt, also gleichwertiger Mensch sein, nicht ein Objekt der Begierde.

Der Unterschied ist einfach: Jede Frau möchte, dass sie begehrenswert wird, aber keine möchte, dass die Menschen sie als „sexuelles Objekt“ sehen. Der Drahtseiltanz, den frau dazu beherrschen muss, ist bisweilen schwer zu erlernen, denn er ist nicht ausschließlich davon abhängig, was „frau“ selber will.

Rollen, keine Rollen, ganzer Mensch?

Seit längerer Zeit sehen wir „Frauen“ in verschiedenen Rollen, in denen sie durchaus unterschiedliche Persönlichkeiten in den Vordergrund stellen. Die „einzige“, integre Persönlichkeit gerät dabei in den Hintergrund. Wenn ein Mann sich die Zähne von einer Frau behandeln lässt, sieht er sie Zahnärztin nicht primär als Frau. Wen das Beispiel nicht gefällt, der mag sich eine Urologin vorstellen. Das heißt: Es ist nicht leicht, hinter der Rolle die ganze Person zu sein, und es ist deutlich schwieriger, in manchen Situationen die Attraktivität einer Frau zu beurteilen.

Wahrgenommen werden beim Sex - und wie?

Wie ist es nun mit dem Sex? Ich zitiere noch mal:

Die Frau will, wenn es um ihre Sexualität geht, persönlich gesehen, gespürt, wahrgenommen und gemeint sein. Als Frau. Punkt.

Also nicht in der Rolle - das ist verständlich. Aber als was denn dann?

Da brauche ich noch ein Zitat:

Auch Frau möchte Überraschungen und erotische Spiele, Sinnlichkeit und Intensität, die den Kopf leer werden lässt und Hingabe ermöglicht.

Das klingt nun wieder so, als sie die Persönlichkeit gar nicht gemeint: „Nimm mich als ganze Person, damit ich vergesse, dass ich eine Person bin?“

Das Geheimnis scheint zu sein, mit dem geeigneten Partner einfach „loslassen“ zu wollen.

Und dann höre ich noch diesen Appell:

Frau, gönne dir dich selbst mit allen Sinnen und zeige, ja, nimm dir, was dir Lust und Erregung beschert, was du brauchst, selbstverständlich auch hier nie auf Kosten anderer.

Im Grunde ruft die Natur

Sind Männer nun klüger geworden? Oder die Frauen selbst?

Die „totale Hingabe“ an den Partner, an sich selbst, an den Sex schlechthin galt in er Vergangenheit nicht gerade als erstrebenswert. Was ist also passiert?

Eigentlich etwas, das vorhersehbar war: Beim Sex geht es nicht um die ganze Person – und das erwartet in Wahrheit auch niemand. Der Geist bliebt draußen, die Kultur bleibt draußen, und manchmal fällt die mühsam aufgebaut Fassade in sich zusammen. Die Natur bricht durch, die Begierde tritt in den Vordergrund, und dann und wann schreien wir vor Glück.

Ich las einen Artikel von Nicole Siller vom 11. Juni .2022 in „Der Standard“ aus dem die Zitate stammen

Das Paradoxon – Frauen ohne Selbstverantwortung?

Die US-amerikanische Gesellschaft schätzt das individuelle Glück, mehr aber noch den persönlichen Erfolg. Diesem Umstand verdankte vor allem Dale Carnegie seine Popularität, und sie wirkt bis heute nach. Gurus und Selbstdarsteller aus aller Welt, teils gar mit akademischer Ausbildung, griffen das Thema auf, und daraus entstanden zahllose Heilslehren. Diese Welle ebbte zunächst ab, kam aber mit neuen Heilslehren wieder auf, die teils auf Selbstherrlichkeit, andernteils auf angeblichen „indischen“ Lehren basierten. Erst später kam die abendländische Esoterik dazu und ebenso einige fragwürdige psychologische Richtungen.

Seit dem neuen Millennium und der Vorbereitung des Internets ist sie wieder allgegenwärtig, diesmal allerdings in kleinerem Format. „Persönliches Wachstum“ ist das Ziel, und damit lässt sich hervorragend Geld verdienen, ohne dass man dazu weltumspannende Organisationen oder indische Gurus brauchen würde.

Die Gegenbewegung: Nicht verantwortlich sein

Das Paradoxon liegt darin, dass es eine Gegenbewegung gibt, die vor allem Frauen einflüstern will, eine sehr eingeschränkte (oder vielleicht auch gar keine) Verantwortung für ihr Leben zu übernehmen. „Es ist nicht deine Schuld, wenn du Single bleibst“, ist das neueste Mantra, das von schreibenden Frauen in die Welt gesetzt und von willfährigen Journalistinnen verbreitet wird. Wobei klar ist: Es geht nicht um Schuld, sondern darum, das eigene Leben in den Griff zu bekommen. Kurz gesagt: Die seit einigen Jahrzehnten sichtbaren positiven Ergebnisse der Emanzipationsbewegung müssen mit einer Neuordnung der traditionellen Lebensziele erkauft werden – von jedem Einzelnen. Also auch von Frauen.

Andere müssen sich ändern - wir doch nicht?

In Teil von ihnen weigert sich, glauben weder an Selbstverantwortung noch an die Möglichkeit, sich selbst zu ändern. Nein, sie tragen nicht die Verantwortung für sich selbst, und sie denken überhaupt nicht daran, sich zu ändern. Die Verhältnisse müssten sich ändern, sagen die einen – die anderen sagen, die Männer müssten sich ändern. Solche Sprüche führen ins Nichts – auch wenn sie teilweise berechtigt sein mögen. Doch all das bringt nichts: Hier und Jetzt ist der Einzelne aufgerufen, über sich nachzudenken, was er oder sie verändern kann.

Die extreme Position

Das Extrem solcher Gedanken lesen wir bei der Texanerin Shani Silver (1) , die dies schrieb:

Die Frage für alleinstehende Frauen lautet nicht „Warum bin ich Single?“. Diese Frage zu stellen, ist aussichtslos. Es gibt für sie seit 2012 weder eine Antwort noch eine Lösung. Sie war schon immer unbeantwortbar, weil das Problem nie wir waren.

Es mag sein, dass noch andere Frauen so denken, auch außerhalb der USA. Und ihnen allen kann man nur sagen: Ihr seid die Gefangenen überkommener Denksysteme. Wer etwas verändern will, sollte bei sich selbst anfangen. Es ist nicht das Potenzial, das fehlt. Es ist die Bereitschaft, damit zu beginnen. Und wirklich – das gilt nicht ausschließlich für Frauen und es ist nicht abhängig von Heilslehren.

(1) Autorin, die überwiegend in sozialen Medien schreibt, also etwa bei Refinery29, Instagram, Facebook oder Medium. Sie schrieb jüngst ein Buch mit dem Titel " Single Revolution: Don't look for a match. Light one". Wir haben dazu noch einen weiteren Artikel in Arbeit, der über die Verhältnisse in den USA hinausgeht.

Der brave Mann kuscht

Ein richtiger Mann sein – das reichte in einer nicht so fernen Vergangenheit, um wahrgenommen zu werden. Schön, wenn er auch noch gute Manieren hatte, dann konnte Fräulein Fünfzigerjahre den Mann auch mal nach Hause bringen und bei den Eltern vorzeigen. Wer mit dem Begriff richtiger Mann nichts anfangen kann, der lernte das mithilfe von Matthias Claudius am Beispiel des Winters: „Ein rechter Mann, kernfest und auf die Dauer. Sein Fleisch fühlt sich wie Eisen an und scheut nicht süß noch sauer.“ Das Fleisch jener, die sich als weniger „harte Jungs“ erwiesen, wurde dennoch nachgefragt, denn keine Frau wollte als „alte Jungfer enden“ – das war sozusagen die Sackgasse der sozialen Anerkennung.

Die Fräuleins in den feinen Kreisen der Gesellschaft verlangten allerlei Nettigkeiten, bevor sie ihre feinen Unterkleider auszogen. Denn im Gegensatz zum kernigen Mann waren sie dazu erzogen, zunächst einmal zu zeigen, dass sie wirklich lieb, nett, adrett und bis zum Beweis des Gegenteils keusch sein konnten. Junge Frauen, die nicht das Privileg der Geburt in einer Villa hatte, waren ohnehin dazu bestimmt, irgendwann namenlos in einer Ehe zu verschwinden.

Der Mann - abhängig vom Wohlwollen der Damen

Und heute? Der „kernige Mann“ wird noch gebraucht – mal als Feindbild, mal für den ONS. Der Mann mit den guten Manieren ist weiterhin gefragt, solange er auch den Kinderwagen schieben mag. Ein bisschen hängt er zwischen Tür und Angel. Geht er hinein in das Abenteuer „Beziehung“, muss er darauf achten, dass ihm der Teppich nicht unter den Füßen weggezogen wird. Tut er es nicht, muss er an den Pranger der Beziehungslosen – warum hatte der mit 25 noch nie Geschlechtsverkehr? Und warum mit 40 noch nie eine dauerhafte Beziehung? Wobei ich beinahe vergessen hätte, dass der Mann erst eine ganze Reihe von offenen und geheimen Tests bestehen muss, die sowohl seine Männlichkeit wie auch seine sozialen Fähigkeiten betreffen.

Die Frage ist längst nicht mehr „wen er wählt“, sondern viel mehr „wer ihn nimmt“. Das betrifft nicht jene Männer, die kernig sind und guten Manieren unter Beweis stellen und darüber hinaus eine ausgezeichnete Ausbildung und hohe Einkommen haben. Für sie ist der Tisch nach wie vor reich gedeckt, und sie können sich ihr Liebesleben „a la carte“ einrichten.

Der brave Mann kuscht

Die sanftmütige, sinnliche, liebe- und hingebungsvolle Frau gibt es natürlich auch noch. Neuerdings darf sie sogar selbstbewusst sein, solange sie äußere Schönheit vorweisen kann. Und sie wird vielleicht sogar heiraten und ein erfülltes Leben mit inneren und äußeren Freiheiten haben. Eines, an das sie in den 1950er-Jahren nicht einmal im Traum denken durfte. Sie kann aber auch durchaus in einem relativen Wohlstand allein leben und sich hübsche Männer herauspicken, die ihr die knappe Freizeit versüßen. Im Grunde steht ihr fast alles offen – aber da war doch noch was? Die völlige und kompromisslose Gleichberechtigung um jeden Preis? Vielleicht. Möglicherweise aber auch, dass die Männer absolut nicht nach ihrer Pfeife tanzen, sondern sich Freiräume herausnehmen. Und natürlich, dass sie manchmal Dinge sagen oder tun, die ein wohlerzogener Mann nicht sagen sollte. Oder gar verlangend dastehen oder ungehörige Blicke auf den Rocksaum richten.

Nun könnte man sagen: „Solange sie sich nicht wie brave Jungen verhalten, die der Mami schöntun, weil es dann Bonbons gibt?“

Neusprech, soziale Korrektheit … das brave Männlein kuscht. Oder doch nicht? Dazu habe ich mir einen letzten Gedanken aufgehoben.

Denn wenn wir Männer wirklich so würden, wie all die Gouvernanten des Geistes, die fingerzeigenden Tanten und die sozial-medialen Empörungsprofis uns gerne hätten, was würden wir dann gewinnen?

Darüber könnt ihr ja mal nachdenken. Und Vatertag, Männertag, Herrentag, Auffahrt oder Himmelfahrt? Mir ist er piepschnurzegal, so wahr ich Gramse heiße.

Gramse bleibt Gramse - ungerecht, unanständig und völlig daneben - was sonst?