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Ist „brav sein oder bestraft werden“ wirklich ein Rollenspiel?

Um es vorauszuschicken: Wir reden hier von den Spielen der Erwachsenen. Es geht um Menschen, die eigentlich mit sich selbst ins Reine kommen sollten – aber denen dies besser gelingt, wenn sie sich bestrafen lassen. Möglichst von einem Partner des anderen Geschlechts.

Der Schrecken der Kinderzeit bis in die 1960er Jahre hinein waren die in vollem Ernst applizierten Schläge auf das „Brötchen“, die dazu dienen sollten, die Knaben und manchmal gar die Mädchen zu braven Kindern zu machen. Erst in den 1970er Jahren wurde den Eltern die Grundlage entzogen, die ihnen das Recht gab, Kinder körperlich zu züchtigen, was nicht hieß, dass die Züchtigungen schlagartig aufhörten. Wir können also gut und gerne davon ausgehen, dass viele von jenen, die heute zwischen 40 und 80 Jahre alt sind, noch ernstlich „verhauen“ wurden.

Welche Erinnerungen?
Die Schande, gezüchtigt zu werden, hat merkwürdigerweise eine Kehrseite: die Löschung der Tat durch die Züchtigung. Denn offenbar gibt es eine menschliche Neigung, eine „Untat“ dadurch wieder auslöschen zu können, dass man sich der Strafe sofort unterwirft. Hier die Tat – dort die Strafe. Keine lange Reue, kein bleibendes Schuldgefühl. Soweit die Theorie – für den Gestraften. Die Strafenden sehen und sahen es anders: Man wurde trotz der körperlichen Züchtigung immer wieder an seine Untaten erinnert – und stets aufs Neue erniedrigt, wenn sie zur Sprache kamen. So jedenfalls berichteten es Menschen aus jenen Jahren.

Was mag Menschen nun veranlassen, das Spiel aufs Neue zu beginnen? Eine mögliche Antwort wäre: Wir modernen, westlichen, freien Menschen können fast alles tun, was wir wollen. Nicht wird mehr gesühnt, nur weil es den Auffassungen anderer zuwiderläuft. Jeder nimmt sich alle Rechte heraus und vernachlässigt bisweilen seine Pflichten. Menschen schämen sich dessen, was sie getan haben, können aber nirgendwo hin mit ihrer Scham. Katholiken kennen wenigstens noch die Beichte, die in ähnlicher Weise reinigt. Wer nimmt dem modernen Menschen die Schuld an den kleinen Sünden? Niemand. Angeblich müssen sie mit ihrem „Gewissen“ abmachen, was sie getan haben und wie sie es sühnen wollen. Das kling sehr erwachsen, und das ist es vermutlich auch.

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Und doch: Viele Erwachsene glauben an die reinigende Kraft von Schlägen – ausgeführt von Erwachsenen und an anderen Erwachsenen, im vollen Bewusstsein, dass sie dabei nur ein Spiel spielen. Ein Spiel der Erwachsene, bei dem es um Schuld, Sühne, Schmerz, Tränen und manchmal auch Wollust geht.

Ja, es ist ein Rollenspiel. Wer jemals ernsthaft versucht hat, eine andere Person zu verkörpern (Schauspiel, Laienspiel, psychologische und soziale Rollenspiele), der weiß dies: Sie können sich schneller in die Rolle fügen, als Ihnen lieb ist.

Sehen Sie, und wenn das so ist – dann können Sie sich vielleicht auch vorstellen, warum Erwachsene tatsächlich Lust daran finden, gestraft zu werden – mal ganz „außerpsychologisch“.

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