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Die verdammten Moralisten

sie wird hinein beißen - und niemand wird es erfahren


Für mich ist keine Frage – die Moralisten sind wieder unter uns. Das janusköpfige Bürgertum der Vergangenheit kann offenbar nicht überwunden werden, obwohl es schon mehrfach als mausetot galt. Im Bürgertum war alles möglich: Vorne heraus, dort, wo die Fassade war, gab man sich bieder und moralisch – und hinten heraus trieben es die Männer mit Servierfräuleins und die Frauen hatten stille Affären mit Offizieren.

Freilich bekam das Bürgertum mehrere schwere Dämpfer – den letzten 1968, als man ihm die Fratze der Wohlanständigkeit herunterriss. Aber heute ist man schon wieder emsig damit beschäftigt, die Verhältnisse umzukehren: Nicht die Bürger waren damals die morallosen Lügner, sondern die Revoluzzer sorgten dafür, dass die Welt unmoralischer wurde – so jedenfalls hörten wir es aus dem Mund vieler Pfaffen.

Moralisches Aufplustern überall

Doch ist es nicht längst wieder da, dieses verlogene Bürgertum mit seiner Doppelmoral? Früher bestand die Doppelmoral ja darin, dass Männer von Stand tagsüber gegen die Huren wetterten und nachts in ihren Betten juchzten. Heute hingegen hat man „öffentliche Buhmänner“, deren Seitensprünge, Affären und möglicherweise kriminelle Sex-Aktvitäten öffentlich vorgeführt werden, während sich die Biederfrauen und Biedermänner künstlich aufplustern, und statt zur Hure geht der Mann von Welt heute zur Domina.

Die Frauen werden überhöht - das alte Spiel beginnt neu

Merkwürdig, dass die Frauen in diesem verdammten Spiel so gut wegkommen, wirklich merkwürdig. Ihre Rolle war in der Glanzzeit des Bürgertums ganz ähnlich: Offizielle waren sie die Engelein der Familie, inoffiziell suchten sie nach Engelmacherinnen, wenn allzu deutlich wurde, dass der Ehemann nicht der Vater sein konnte. Bei angenommener Ähnlichkeit passierte ja nichts - man schob dem Ehemann in der Blüte des Bürgertums machen Bankert unter. Nun, und wie ist es heute? Es gibt keine „Schlampen“ in den „neuen“ besseren Kreisen – die sind alle längst bei Seitensprung-Partneragenturen untergetaucht und holen sich ihren Honig dort – das Risiko der Schwangerschaft lässt sich ja umgehen.

Forscher(innen) drehen die Moral hin, wie sie gerne hätten

Forscher – und insbesondere natürlich Forscherinnen begrüßen diesen Trend. Blauäugig, wie die Elfenbeinturmbewohnerinnen sind, behaupten sie „man könnte es als emanzipatorische Errungenschaft werten, dass auch für Männer mittlerweile die gleichen Standards gelten sollen, wie für Frauen.“

So kann man die Dinge also auf den Kopf stellen: Die Frauen sind nicht etwas seitensprungfreudiger geworden und hätten sich so an die Männer angeglichen, sondern die Männer würden brav Männchen machen, weil die Frauen so moralisch sind.

Das geht selbst der Kolumnistin der Basler Zeitung“ über die Hutschnur, die Folgendes entgegnete:

«Das Problem ist nur, dass der Wunsch nach einer traditionellen, monogamen Ehe in den meisten Fällen eben ein Wunsch bleibt. … Wer davor die Augen verschließt, befördert nur die Doppelmoral , samt der inszenierten Empörung, wenn sich wieder mal erwiesen hat, dass Monogamie in der heutigen Gesellschaft nicht besonders gut funktioniert. Weder für Frauen noch für Männer. Immerhin sollen heute die Frauen ihre Männer genau so oft betrügen, wie umgekehrt.»


Es scheint, dass die Inszenierung einer künstlichen, überhöhten Moral umso mehr gefördert wird, je verlogener die Gesellschaft ist. Wir hatten das alles schon häufig: zuletzt im selbstgefälligen Wohlstandsbürgertum der West-Republik, allgemein als „die 1950er Jahre“ bekannt. Ludwig Erhard, damals Wirtschaftsminister, hatte gerade seinem West-Volk verkündet, dass die Lohnerhöhungen für die Arbeiterschaft viel zu noch ausgefallen waren man dort wohl den Gürtel enger schnallen musste, das wurde klar, dass die satten Wohlstandsgewinner Huren mit Geld überschütteten. Die Affäre um Rosemarie Nitribitt enthüllte, wes Geistes Kind die Eliten der West-Republik waren, und um das zu vertuschen, versuchte die damalige Adenauerregierung mithilfe einer willfährigen Presse, nun statt der großzügigen Freier die Huren für alles verantwortlich zu machen – übrigens weitgehend erfolglos, denn schon bald nach ihrem Tod wurde der Hure ein Denkmal gesetzt: Rolf Thiele verfilmte „Das Mädchen Rosemarie“ und Adenauer stand der Schaum vor dem Mund.

Hoffen können wir alle eigentlich nur eines: Dass die heute so lautstark auftretenden Moralprediger auf die Nase fallen – doch solange die Presse lustvoll jeden Seitensprung eines Mannes als „Tabubruch“ aufmacht und die armen, armen Frauen beweint – solange bleibt es bei der neuen, modifizierten Doppelmoral.

Die Zitate stammen aus: Das Tribunal der Doppelmoral"

(1) Erhard schrieb, dass die Lohnerhöhungen den Produktivitätsfortschritt übersprungen hätten – dies wurde im Volk aber als „den Gürtel enger schnallen“ interpretiert. Später musste Erhard dann nur behaupten, er habe nie gesagt, man müsse den Gürtel enger schnallen – und schon war seine Welt wieder in Ordnung.

Foto © 2009 by NeoGaboX Gabriel S. Delgado C.

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