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Unmoralisch und unethisch – keine gesunden Gefühle

Unethisch oder auch „unmoralisch“ sind Wörter, die wir oft benutzen, die aber keine präzise Bedeutung haben. Etwas ist „unethisch“, wenn es nicht den herrschenden Begriffen der Ethik oder der Moral entspricht – und das bedeutet: Diese Begriffe müssten festgeschrieben sein.

Sind sie es?

Nach einer populären Definition ist ethisch, was den sittlichen Normen entspricht, auf denen verantwortungsbewusstes Handeln fußt. Der Satz an sich ist mehrdeutig: Sind es die sittlichen Nomen, die verantwortungsbewusstes Handeln bestimmen, oder ist es das verantwortliche Handeln, das die sittlichen Normen begründet?

Wenn wir uns einmal davon befreien, was ist dann noch ethisch gut und richtig? Wie sollten wir sein, und wie sollten wir handeln? Betrachten wir hier nur die sexuelle Moral - da haben wir genug zu diskutieren.

Wer bestimmt eigentlich die sexuelle Moral?

Im Bereich der sexuellen Moral gibt es Regeln, die zum Teil auf Gesetzbüchern, teils auf pragmatischen Regeln und teils auf Religionen und Ideologien beruhen.

Außer dem Gesetztbuch, das für alle verbindlich ist, gelten also auch „ungeschriebene Gesetze“, die von Religionen, Meinungen, Ideologien und nicht zuletzt vom Zeitgeist beeinflusst werden. Genau genommen haben wir keine einheitliche „sittliche Norm“, sondern viele sittliche Vorstellungen, die für manche eine feste Norm, für ander eine Empfehlung und für wieder andere nur Schall und Rauch sind.

Wie leben wir denn nun sinnlich, erotisch oder sexuell zusammen, wenn die Normen so vielfältig interpretierbar sind?

Was gesund ist, ist zumeist auch moralisch

Ich habe dazu einen Vorschlag: Neben dem Gesetz, das wir alle achten müssen, könnten wir einen neuen Begriff einführen: Das, was uns gut tut. Dabei würde uns eine Definition von Gesundheit helfen, die besagt, dass wir uns darum bemühen sollten, ein vollständiges körperliches, emotionales und soziales Wohlbefinden anzustreben – man könnte das geistige Wohlbefinden noch ergänzen.

Wenn wir auf diese Weise „gut zu uns“ und „gut zu andren“ sind, sollte eigentlich bereits umrissen sein, was „moralisch“ ist. Auf diese Weise würden wir zu andren Sichtweisen kommen: Wenn Grete heute mit Hans und morgen mit Jakob schläft, alle verhüten und am Ende sowohl Grete wie auch Hans und Jakob sehr zufrieden damit sind, dann ist das moralisch. Unmoralisch wäre, wenn die Grete dem Hans verspricht, ihr einziger Liebhaber zu sein, weil sie damit die soziale Komponente der Moral verfehlt. Das Gleiche gilt auch, wenn die Grete heute mit dem Hans und morgen mit der Monika schläft.

Fluchten, Ausreden und Zweifel

Beim Sex neigen wir dazu, kleine Fluchten zu wagen: Es ist zwar gegen die Norm, etwas zu tun, aber wir tun es dennoch, weil es uns Lust bereitet. Und falls wir es nicht allen tun können, müssen wir uns jemanden suchen, der uns diese Lust bereiten kann. Das ist der Grund, warum manche Männer entgegen ihrer Überzeugung ins Bordell oder ins Domina-Studio gehen: Dort finden sie die Lust, die ihnen anderwärts vorenthalten wird. Daraus entstehen, kleine Sünden, Lügen und Selbstzweifel. Diese Männer glauben oft, sich nicht moralisch verhalten zu haben, auch wenn sie niemandem damit geschadet haben. Was tief in ihnen sitzt, ist die Scham, dergleichen benötigt zu haben. Eigentlich ist diese Scham absurd: Wäre das, was diesem Mann Lust bereitet, stets verfügbar, müsste er nicht abweichen. So wird die Abweichung vom „Pfad der Tugend“ zum eigentlichen Problem, nicht die Erfüllung der Lust.

Die meisten Menschen denken nicht, dass alles, was ihnen gut tut, auch gut ist. Und sie ziehen ihre Moral in Zweifel, weil sie ein rares Gut begehrten und sie es nicht „freizügig“ bekamen: die vollständige, lustvolle Befriedigung. Es ist eine Schleife ohne Ende: Man begehrt Lüste, und allein das Begehren löst Zweifel aus. Erfüllt man sie sich, so lösen die Umstände Zweifel aus. Gesund ist das nicht – und warum sollte es dann moralisch sein?

Kann den Liebe Sünde sein?

sünderin? es kommt auf die sichtweise an


Die Antworten auf die Frage, ob Liebe Sünde sein kann, sind schnell gegeben: „Ja“, „Nein“, oder „kommt drauf an“.

Ja, werden Sie sagen – aber Herr Chefredakteur, Sie können doch nicht sagen, die Leute hätten recht, die Liebe für Sünde halten und dann dem Nächsten sagen: „Ach, Liebe ist doch keine Sünde, mein Bester, nimm dir nur weiterhin deine süßen Hurchen“.

Wisst ihr was? Wenn ihr das so sagt, habt ihr auch Recht.

Liebe ist unordentlich definiert – Sünde auch

Es ist aber leider so: „Liebe“ ist nicht nur ein unordentliches Gefühl, sondern auch ein höchst unscharfer Begriff – von „Sünde“ ganz zu schweigen. Da weiß das moralisch immer superschlaue Wikipedia auch keinen Rat – immerhin glaubt das Online-Lexikon, dass Christen in etwa so gepolt sind:

„Sünde bezeichnet … den durch den Menschen verschuldeten Zustand des Getrenntseins von Gott und ebenso einzelne schuldhafte Verfehlungen gegen Gottes Gebote, die aus diesem Zustand resultieren.“

Oh – ertappt, Sünderinnen und Sünder?

Nun, gemach, gemach … da kommt nämlich ein neues Wort auf – „Gottes Gebote“ und eine Einschränkung: Sünder kann nur sein, wer sich schuldhaft an den Geboten vergeht. Mit den Geboten ist das übrigens so eine Sache – nur eines der unter Christen viel zitierten „Zehn Gebote“ betrifft die Unkeuschheit, wahlweise als „du sollst nicht ehebrechen“ oder „du sollst nicht unkeusch sein“.
Ja, und nun müssen wir mal gucken, wie wir das machen, unkeusch zu sein?

Das mit dem „Ehebrechen“ ist so: Wer damals (zu Moses Zeiten) die Ehe brechen wollte, musste entweder mit einer Andersgläubigen schlafen oder sich beim Nachbarn bedienen, dann hätte er gleich gegen wein weiteres Gebot verstoßen, denn ob er die Ehefrau oder Slavin genommen hätte – er hätte sich an dessen Eigentum vergriffen. Die eigenen Mägde und Sklavinnen hingegen schützte als Eigentum des Gutsherren niemand, und es war folgerichtig kein Ehebruch, sie zu beschlafen.

Kann denn nun Liebe Sünde sein?




„Sünde“ entsteht bei uns Menschen immer, wenn wir gegen das eigene Werteprinzip verstoßen. Das allerdings ist nicht bei allen Menschen gleich, ob sie nun Christen, Juden oder Ungläubige sind. Es wird in der Regel auch nicht von der Religion, sondern von der familiären Erziehung beeinflusst. Wo „zu sich selbst stehen“ Erziehungsideal ist, existiert auch Moral, Schuld, Sühne und die eine oder andere Sünde. Wo man alles irgendwie wieder abputzen kann, odert wo stets die anderen die Verantwortung für das eigene Ungemach tragen, da existiert seltener eine moralische Empfindung für das eigen Tun, und Schuld, Sühne und Sünde sind eine Sache, die man „irgendwie vermauschelt“.

Nun unterliegt die Liebe allerdings nicht ausschließlich und völlig dem freien Willen. Sie überfällt uns blitzartig, lässt uns plötzlich nach Erfüllung lechzen und treibt uns zu Liebesglut und Liebeswahn. Das alles ist zumeist „beherrschbar“, aber eben nicht immer. Der Moment der Entscheidung ist gelegentlich sehr kurz, und bevor man sich auch nur richtig überlegt, was passiert, liegt man mit jemandem im Bett – das ist Realität, auch wenn sie unbequem ist.

Liebe kann Sünde sein

Liebe kann Sünde ein, wenn man sich selbst oder anderen dabei schadet. Sie kann auch dann Sünde sein, wenn man sie uns nicht emotional überkommt, sondern wenn wir sie sie kühl und berechnend planen, etwa, um eine Frau an der Bar „herumzukriegen“ oder uns durch eine Seitensprungagentur unter der falschen Flagge der Liebe ganz bewusst zum Sexualobjekt degradieren.

Was die Kirche alles „Sünde“ nennt, interessiert dabei kaum – deren Bücher lassen jedwede Interpretation der geschlechtlichen Liebe zu. Der Ursprungsgott der Christen wusste es besser: Er wollte nur, dass wir Menschen fruchtbar sind und uns mehren. Dafür gibt es bekanntlich nur eine Methode, und sie ist nicht von einer festen Beziehung abhängig. Dennoch – es ist besser, zu heiraten und einander treu zu bleiben, weil dies auf Dauer glücklicher macht, wenn wir es wirklich wollen.

©: 2010 by lovefusionphoto

Die verdammten Moralisten

sie wird hinein beißen - und niemand wird es erfahren


Für mich ist keine Frage – die Moralisten sind wieder unter uns. Das janusköpfige Bürgertum der Vergangenheit kann offenbar nicht überwunden werden, obwohl es schon mehrfach als mausetot galt. Im Bürgertum war alles möglich: Vorne heraus, dort, wo die Fassade war, gab man sich bieder und moralisch – und hinten heraus trieben es die Männer mit Servierfräuleins und die Frauen hatten stille Affären mit Offizieren.

Freilich bekam das Bürgertum mehrere schwere Dämpfer – den letzten 1968, als man ihm die Fratze der Wohlanständigkeit herunterriss. Aber heute ist man schon wieder emsig damit beschäftigt, die Verhältnisse umzukehren: Nicht die Bürger waren damals die morallosen Lügner, sondern die Revoluzzer sorgten dafür, dass die Welt unmoralischer wurde – so jedenfalls hörten wir es aus dem Mund vieler Pfaffen.

Moralisches Aufplustern überall

Doch ist es nicht längst wieder da, dieses verlogene Bürgertum mit seiner Doppelmoral? Früher bestand die Doppelmoral ja darin, dass Männer von Stand tagsüber gegen die Huren wetterten und nachts in ihren Betten juchzten. Heute hingegen hat man „öffentliche Buhmänner“, deren Seitensprünge, Affären und möglicherweise kriminelle Sex-Aktvitäten öffentlich vorgeführt werden, während sich die Biederfrauen und Biedermänner künstlich aufplustern, und statt zur Hure geht der Mann von Welt heute zur Domina.

Die Frauen werden überhöht - das alte Spiel beginnt neu

Merkwürdig, dass die Frauen in diesem verdammten Spiel so gut wegkommen, wirklich merkwürdig. Ihre Rolle war in der Glanzzeit des Bürgertums ganz ähnlich: Offizielle waren sie die Engelein der Familie, inoffiziell suchten sie nach Engelmacherinnen, wenn allzu deutlich wurde, dass der Ehemann nicht der Vater sein konnte. Bei angenommener Ähnlichkeit passierte ja nichts - man schob dem Ehemann in der Blüte des Bürgertums machen Bankert unter. Nun, und wie ist es heute? Es gibt keine „Schlampen“ in den „neuen“ besseren Kreisen – die sind alle längst bei Seitensprung-Partneragenturen untergetaucht und holen sich ihren Honig dort – das Risiko der Schwangerschaft lässt sich ja umgehen.

Forscher(innen) drehen die Moral hin, wie sie gerne hätten

Forscher – und insbesondere natürlich Forscherinnen begrüßen diesen Trend. Blauäugig, wie die Elfenbeinturmbewohnerinnen sind, behaupten sie „man könnte es als emanzipatorische Errungenschaft werten, dass auch für Männer mittlerweile die gleichen Standards gelten sollen, wie für Frauen.“

So kann man die Dinge also auf den Kopf stellen: Die Frauen sind nicht etwas seitensprungfreudiger geworden und hätten sich so an die Männer angeglichen, sondern die Männer würden brav Männchen machen, weil die Frauen so moralisch sind.

Das geht selbst der Kolumnistin der Basler Zeitung“ über die Hutschnur, die Folgendes entgegnete:

«Das Problem ist nur, dass der Wunsch nach einer traditionellen, monogamen Ehe in den meisten Fällen eben ein Wunsch bleibt. … Wer davor die Augen verschließt, befördert nur die Doppelmoral , samt der inszenierten Empörung, wenn sich wieder mal erwiesen hat, dass Monogamie in der heutigen Gesellschaft nicht besonders gut funktioniert. Weder für Frauen noch für Männer. Immerhin sollen heute die Frauen ihre Männer genau so oft betrügen, wie umgekehrt.»


Es scheint, dass die Inszenierung einer künstlichen, überhöhten Moral umso mehr gefördert wird, je verlogener die Gesellschaft ist. Wir hatten das alles schon häufig: zuletzt im selbstgefälligen Wohlstandsbürgertum der West-Republik, allgemein als „die 1950er Jahre“ bekannt. Ludwig Erhard, damals Wirtschaftsminister, hatte gerade seinem West-Volk verkündet, dass die Lohnerhöhungen für die Arbeiterschaft viel zu noch ausgefallen waren man dort wohl den Gürtel enger schnallen musste, das wurde klar, dass die satten Wohlstandsgewinner Huren mit Geld überschütteten. Die Affäre um Rosemarie Nitribitt enthüllte, wes Geistes Kind die Eliten der West-Republik waren, und um das zu vertuschen, versuchte die damalige Adenauerregierung mithilfe einer willfährigen Presse, nun statt der großzügigen Freier die Huren für alles verantwortlich zu machen – übrigens weitgehend erfolglos, denn schon bald nach ihrem Tod wurde der Hure ein Denkmal gesetzt: Rolf Thiele verfilmte „Das Mädchen Rosemarie“ und Adenauer stand der Schaum vor dem Mund.

Hoffen können wir alle eigentlich nur eines: Dass die heute so lautstark auftretenden Moralprediger auf die Nase fallen – doch solange die Presse lustvoll jeden Seitensprung eines Mannes als „Tabubruch“ aufmacht und die armen, armen Frauen beweint – solange bleibt es bei der neuen, modifizierten Doppelmoral.

Die Zitate stammen aus: Das Tribunal der Doppelmoral"

(1) Erhard schrieb, dass die Lohnerhöhungen den Produktivitätsfortschritt übersprungen hätten – dies wurde im Volk aber als „den Gürtel enger schnallen“ interpretiert. Später musste Erhard dann nur behaupten, er habe nie gesagt, man müsse den Gürtel enger schnallen – und schon war seine Welt wieder in Ordnung.

Foto © 2009 by NeoGaboX Gabriel S. Delgado C.

Moral zwischen Prüderie und Lust

Der Apfelbiss - Symbol für die biblische Moral


Wohl selten ist die Frage der Sexualmoral wieder so häufig diskutiert worden wie in den letzten Monaten. Doch wir werden hier nicht in die gleiche Kerbe schlagen, die von der sogenannten „seriösen“ Presse inzwischen so weit ausgeschlagen ist, dass der Bürger längst das Interesse daran verloren hat. So lassen Sie mich nur einen Satz dazu schreiben: Sogenannte „Missbrauchsfälle“ kamen überwiegend dort vor, wo eine strenge Zucht zu einer beinahe sklavischen Abhängigkeit der Opfer von den autoritären Tätern führte.

Wenn der Herr Pfarrer von der Kanzel ruft, die Bibel lehre eine andere, eine reinere Sexualmoral, dann hat er seine Hausaufgaben nicht gemacht – oder er lügt bewusst von der Kanzel herunter. Die sexuelle „Nutzung“ Abhängiger war zu den typischen „biblischen Zeiten“ nicht einmal mit einer Strafe belegt – das ging schon deshalb nicht, weil sie „Eigentum“ waren.

Sexualmoral gehört nicht in die Kirche

Vorbereitung zur Schwängerung der Sklavin: Sara gibt ihre Sklavin Hagar dem Abraham, um sie zu schwängern
Sexualmoral ist nicht Kirchen- oder Christenmoral, sondern eine Sicht- und Denkweise, die sich im Rahmen der Lebensbedingungen verändert. Eine Gesellschaftsordnung der Patriarchen, in denen alles, was sie im Haus bewegte, „Eigentum“ des Gutsherrn war, musste eine andere Moral haben als das besetzte Palästina, in das Jesus von Nazareth seine Rufe sandte. Die Apostel schließlich wurden mit fremden Kulturen konfrontiert, von denen sie kaum etwas verstanden: Was sie an Moral hinterließen, verdient nicht einmal den Namen. Es war ein Flickwerk der Not und Verunsicherung, und weiter gar nichts – und es bringt dem heutigen Menschen keine Hilfe mehr. Insbesondere die katholische Kirche hat den Kulturbruch zwischen der Religion des ursprünglichen Religionsstifters Jesus von Nazareth und des Botschaft der Apostel stets erfolgreich vertuscht.

Die Geschichte zeigt moralische Moden auf - und sonst gar nichts

Bademägde im frühen Mittelalter - die sexuelle Lust stand im Vordergrund
Die Geschichte lehrt uns ebenso nicht das Geringste über die Sexualmoral. Die Freizügigkeit des frühen Mittelalters wurde durch die Lustseuche ausgebremst, nicht durch die gewünschte Moral. Das Bürgertum gegen Ende des 19. Jahrhunderts bot dem Mann die Möglichkeit, seien Lust bei Straßendirnen, in Bordellen oder bei Gelegenheitsprostituierten auszuleben, währen „hinter verschlossenen Türen“ die Prüderie gepredigt wurde, wobei man sagen muss, dass auch den Frauen oft die „kleinen Fluchten“ zu ihren Liebhabern gelangen.

Diese Art von Sexualmoral ist also eine Modefrage und weiter gar nichts. Eine ganz andere Frage ist die, was den Menschen wirklich gut tut – und sie ist wahrhaftig schwer zu beantworten, denn der moderne Mensch lebt in einer komplizierten Welt, in der zwar alles möglich zu sein scheint, in der aber noch lange nicht alles „machbar“ ist.

Die Jugend ist moralischer als die Generation, die sie verunglimpft

Wir haben uns angewöhnt, die Jugend besonders zu schützen und stellen dabei erstaunt fest, dass sie moralischer ist als die 40 – 60-Jährigen, die über die angeblich verrottete Moral der Jugend reden und leider auch schreiben. In diesem Fall können wir wirklich von „Moral“ schreiben, denn sie halten zum Beispiel den Wert der „Treue“ hoch, der unzweifelhaft ein moralisches Gut ist – auch außerhalb der Sexualität. Die „Generation Porno“ ist gar keine Generation des pornografischen Verhaltens – sie wächst lediglich damit auf, dass Pornografie leicht verfügbar ist. Mit Sexualmoral hat auch dies fast gar nichts zu tun.

Was könnte denn nun moralisch sein, was zeugt von Prüderie?

Man kann alte und neue Quellen ansehen, und wird immer die gleichen Antworten finden: Wer seinen eigenen Körper nicht liebt, liebt auch den des anderen nicht, oder bildlich: Wer sich in seiner eigenen Haut nicht wohlfühlt, wird auch die Haut des anderen nicht genießen. Wer es ablehnt, seinen schönen Körper zu zeigen oder wer seinen Körper nicht liebt, der wird Schwierigkeiten haben, einen anderen Körper zu lieben. Halten wir fest: Leibfeindlichkeit ist Prüderie. Mit seinem Körper zu leben und zu lieben, ist moralisch.

Prüderie ist auch die Ablehnung von sinnlichen Erfahrungen im Vorfeld. Es ist nicht Prüde, sondern sehr moralisch zu sagen: „Du, das macht mir soclhe Angst, das will ich jetzt und hier nicht“. Aber es ist nicht moralisch, sondern Prüde, dies zu sagen: „Du, das ist so unnatürlich, da ekelt sich doch jeder normale Mensch davor“.

Sogar Sexualerziehung kann prüde sein

Prüderie zeigt sich gegenwärtig in Bereichen, in denn wir es gar nicht vermuten: In der Sexualerziehung. Es ist richtig und moralisch, über die natürlichen Prozesse während des Geschlechtsverkehrs zu informieren, über Verhütung und Sexualpraktiken. Das wird auch getan. Aber junge Menschen wissen dann immer noch nicht, was sie emotional und körperlich erwarten könnte bei all den verschiedenen Formen sexuellen Genusses – ja, manche Schüler erfahren nicht einmal, dass es sich dabei um einen Genuss handeln könnte. Letztendlich ist es so, als ob man die Arbeit eines Maurers theoretisch erörtert, aber nie zeigt, wie ein wirklicher Maurer eine tatsächliche Mauer hochzieht. Da sie es wissen wollen, sehen sie Pornografie an – und lernen dabei einen falschen Umgang mit der Liebe. Dies könnte man durchaus als die Folge einer neuen Prüderie bezeichnen.

Geben ist auch in bei der Lust seliger als nehmen

Moralisch sind wir erwachsenen Menschen immer dann, wenn wir in unser Innerstes schauen: Die Liebe mit allen Facetten lockt uns, und sie ängstigt uns zugleich. Moralisch ist nun, den anderen mit seinen Lüsten und Ängsten zu achten und ihm das zu geben, was er sich wirklich wünscht. In unserer heutigen Zeit haben wir dies manchmal vergessen: Geben ist seliger als nehmen – und in der Liebe sowieso. Es ist zwar nicht Prüde, aber hochgradig unmoralisch, in der Liebe nur eigennützig zu sein. Moralischer wäre es, aus vollem Herzen und mit Lust und Hingabe Liebe zu schenken. Die Chance sie vielfach zurückzubekommen, ist groß – viel größer jedenfalls, als wenn wir Liebe, Lust und Sex einfordern. Dies allerdings geschieht gegenwärtig viel zu oft.

Was meint ihr?

Titelbild: © 2009 by neogabox

Ehebruch der Frauen: romantische Liebe oder schlichte Geilheit?

ehebruch

Seitdem die Idee der romantischen Liebe sich mit der Konvention der christlich-bürgerlichen Ehe vermählt hat, wird die Geschichte des Ehebruchs erzählt“, schriebt Kolumnistin Julia Schröder in der „Stuttgarter Zeitung“, und ergänzt: „Meist endet es sehr schlecht für die Ehebrecherin“.

Inzwischen – mache Männer vermerken es seufzend – ist die Ehebrecherin fein heraus. Will sie gehen, und bietet ihr der neue Mann mehr, dann wechselt sie eben den Ast und hüpft ins nächste gemachte Nest – dabei sind Kinder allerdings eher hinderlich, es sei denn, sie bleiben beim Ex-Ehemann. Will sie verheiratet bleiben, dann verheimlicht sie ihre Eskapaden so gut es geht. Im Hintergrund steht die Bedrohung: Wenn du dich wegen der Seitensprünge scheiden lassen willst, wirst du schon sehen, wo du wirtschaftlich landest.

Nein, Frauen gehen heute nicht „mehr oder weniger grausam“ zugrunde. Sie richten Männer leichtfertig zugrunde – das Argument „Liebe“ deckt dann alles andere zu. Oder sollten wir besser „Geilheit“ schreiben? Nun weiß ich, dass einige Frauen sagen: „Na und? Schließlich habt ihr es verdient – und außerdem nehmt ihr euch ja auch jede Menge Seitensprünge raus – und dann noch die vielen Hurenbesuche".

In der „Stuttgarter Zeitung“ geht es übrigens um ein Buch, dass der Österreicher Arno Geiger geschrieben hat: „Alles über Sally“. Nun wissen wir: „Richtig geiler Sex“ ist das Motiv – nun ja, mehr hatten wir ohnehin nicht vermutet.

Verschleierung: Wie der Ehebruch verheirateter Bürgerfrauen gedeckelt wurde

Oh, bevor ich diese kleine Frechheit hier beende: Der Eingangssatz über die Geburt des Ehebruchs wird von der Autorin reichlich an den Haaren herbeigezogen. Erstens nämlich wird die Geschichte des Ehebruchs, der für die Frau gut, für den Ex-Ehemann aber denkbar schlecht ausgeht, bereits in der Bibel erzählt (übrigens mit einem Schulterzucken: Ja, war nicht Rechtens, klar … aber dennoch …), und zweitens war nicht die Vermählung der romantischen Liebe mit der christlich-bürgerlichen Ehe Schuld an den Erzählungen über den Ehebruch, sondern die Tatsache, dass sich gewisse Ehebrüche auch bei „aller Liebe“ nicht mehr verheimlichen ließen. Das Vorbild der berühmten „Effi Briest“, die adlige Elisabeth Freiin von Plotho, wurde ja nicht wegen ihrer Affäre bekannt, sondern weil sich diese auch beim besten Willen nicht mehr verheimlichen ließ. Dazu muss man freilich wissen, dass Affären in der bürgerlichen Gesellschaft des ausgehenden 19. Jahrhunderts keinesfalls ungewöhnlich waren. Sie mussten nur ausreichend „gedeckelt“ werden, das heißt sie mussten „in der Familie“ bleiben und duften nicht nach außen dringen.

Kaum Folgen für den Ehebruch bei Bürgerinnen

Ein Indiz dafür war unter anderem, dass die Tanten und sonstige Verwandte bei der Geburt eines Kindes antanzten, um wenigstens in der Mehrheit zu bestätigen, dass das Kind „ganz nach dem Vater“ käme – und wenn man dafür keine Indizien fand, dann kam es eben „ganz nach der Mutter“. Über biologische Feinheiten bei der Vererbung wusste man nicht viel, und ein DNA-Test war selbstverständlich zu dieser Zeit noch unbekannt. Wenn man nicht so offiziell war, sprach man schon mal davon, dass „den Namen des Vaters nur die Mutter“ kennen würde. Bürgerfrauen wurde zumeist geraten, einige Tage vor oder nach der Affäre mit dem Ehemann zu schlafen, falls die Begegnungen mit dem Liebhaber Folgen haben sollte.

Nun, nicht immer hatten außereheliche Verhältnisse solche Folgen: In den meisten Fällen war es wichtiger, die Affären vor dem Personal zu vertuschen als vor dem Ehemann, der ohnehin seinen Geschäften nachging.

Auch Bürgerinnen tauschten bisweilen Sex gegen Geld

Um das Maß vollzumachen: Als das Bürgertum in voller Blüte stand, kam manche Damen der Gesellschaft die Idee, wie sie ihr Nadelgeld erheblich auffrischen konnten: Nämlich durch Kupplerinnen, die bevorzugt Damen der Gesellschaft suchten – bei ihnen ließ sich die höchste Provision für die Vermittlung verdienen.

Ja, ich weiß, es gab sie auch, die reine Liebe – aber sie war es eben nicht immer, und auch wenn sie „reinen Herzens“ gegeben wurde, so entsprang sie nicht immer einem reinen Charakter.

Redaktion: Wir erwarten Widerspruch zu diesem Artikel. Wer hat Lust darauf?

Das verwendete Zitat erschien in der "Stuttgarter Zeitung"

Der Roman: Arno Geiger: Alles über Sally.