Moral zwischen Prüderie und Lust

Geschrieben von © induna •Donnerstag, 17. Juni 2010 • Kategorie: liebe an sich


Der Apfelbiss - Symbol für die biblische Moral


Wohl selten ist die Frage der Sexualmoral wieder so häufig diskutiert worden wie in den letzten Monaten. Doch wir werden hier nicht in die gleiche Kerbe schlagen, die von der sogenannten „seriösen“ Presse inzwischen so weit ausgeschlagen ist, dass der Bürger längst das Interesse daran verloren hat. So lassen Sie mich nur einen Satz dazu schreiben: Sogenannte „Missbrauchsfälle“ kamen überwiegend dort vor, wo eine strenge Zucht zu einer beinahe sklavischen Abhängigkeit der Opfer von den autoritären Tätern führte.

Wenn der Herr Pfarrer von der Kanzel ruft, die Bibel lehre eine andere, eine reinere Sexualmoral, dann hat er seine Hausaufgaben nicht gemacht – oder er lügt bewusst von der Kanzel herunter. Die sexuelle „Nutzung“ Abhängiger war zu den typischen „biblischen Zeiten“ nicht einmal mit einer Strafe belegt – das ging schon deshalb nicht, weil sie „Eigentum“ waren.

Sexualmoral gehört nicht in die Kirche

Vorbereitung zur Schwängerung der Sklavin: Sara gibt ihre Sklavin Hagar dem Abraham, um sie zu schwängern
Sexualmoral ist nicht Kirchen- oder Christenmoral, sondern eine Sicht- und Denkweise, die sich im Rahmen der Lebensbedingungen verändert. Eine Gesellschaftsordnung der Patriarchen, in denen alles, was sie im Haus bewegte, „Eigentum“ des Gutsherrn war, musste eine andere Moral haben als das besetzte Palästina, in das Jesus von Nazareth seine Rufe sandte. Die Apostel schließlich wurden mit fremden Kulturen konfrontiert, von denen sie kaum etwas verstanden: Was sie an Moral hinterließen, verdient nicht einmal den Namen. Es war ein Flickwerk der Not und Verunsicherung, und weiter gar nichts – und es bringt dem heutigen Menschen keine Hilfe mehr. Insbesondere die katholische Kirche hat den Kulturbruch zwischen der Religion des ursprünglichen Religionsstifters Jesus von Nazareth und des Botschaft der Apostel stets erfolgreich vertuscht.

Die Geschichte zeigt moralische Moden auf - und sonst gar nichts

Bademägde im frühen Mittelalter - die sexuelle Lust stand im Vordergrund
Die Geschichte lehrt uns ebenso nicht das Geringste über die Sexualmoral. Die Freizügigkeit des frühen Mittelalters wurde durch die Lustseuche ausgebremst, nicht durch die gewünschte Moral. Das Bürgertum gegen Ende des 19. Jahrhunderts bot dem Mann die Möglichkeit, seien Lust bei Straßendirnen, in Bordellen oder bei Gelegenheitsprostituierten auszuleben, währen „hinter verschlossenen Türen“ die Prüderie gepredigt wurde, wobei man sagen muss, dass auch den Frauen oft die „kleinen Fluchten“ zu ihren Liebhabern gelangen.

Diese Art von Sexualmoral ist also eine Modefrage und weiter gar nichts. Eine ganz andere Frage ist die, was den Menschen wirklich gut tut – und sie ist wahrhaftig schwer zu beantworten, denn der moderne Mensch lebt in einer komplizierten Welt, in der zwar alles möglich zu sein scheint, in der aber noch lange nicht alles „machbar“ ist.

Die Jugend ist moralischer als die Generation, die sie verunglimpft

Wir haben uns angewöhnt, die Jugend besonders zu schützen und stellen dabei erstaunt fest, dass sie moralischer ist als die 40 – 60-Jährigen, die über die angeblich verrottete Moral der Jugend reden und leider auch schreiben. In diesem Fall können wir wirklich von „Moral“ schreiben, denn sie halten zum Beispiel den Wert der „Treue“ hoch, der unzweifelhaft ein moralisches Gut ist – auch außerhalb der Sexualität. Die „Generation Porno“ ist gar keine Generation des pornografischen Verhaltens – sie wächst lediglich damit auf, dass Pornografie leicht verfügbar ist. Mit Sexualmoral hat auch dies fast gar nichts zu tun.

Was könnte denn nun moralisch sein, was zeugt von Prüderie?

Man kann alte und neue Quellen ansehen, und wird immer die gleichen Antworten finden: Wer seinen eigenen Körper nicht liebt, liebt auch den des anderen nicht, oder bildlich: Wer sich in seiner eigenen Haut nicht wohlfühlt, wird auch die Haut des anderen nicht genießen. Wer es ablehnt, seinen schönen Körper zu zeigen oder wer seinen Körper nicht liebt, der wird Schwierigkeiten haben, einen anderen Körper zu lieben. Halten wir fest: Leibfeindlichkeit ist Prüderie. Mit seinem Körper zu leben und zu lieben, ist moralisch.

Prüderie ist auch die Ablehnung von sinnlichen Erfahrungen im Vorfeld. Es ist nicht Prüde, sondern sehr moralisch zu sagen: „Du, das macht mir soclhe Angst, das will ich jetzt und hier nicht“. Aber es ist nicht moralisch, sondern Prüde, dies zu sagen: „Du, das ist so unnatürlich, da ekelt sich doch jeder normale Mensch davor“.

Sogar Sexualerziehung kann prüde sein

Prüderie zeigt sich gegenwärtig in Bereichen, in denn wir es gar nicht vermuten: In der Sexualerziehung. Es ist richtig und moralisch, über die natürlichen Prozesse während des Geschlechtsverkehrs zu informieren, über Verhütung und Sexualpraktiken. Das wird auch getan. Aber junge Menschen wissen dann immer noch nicht, was sie emotional und körperlich erwarten könnte bei all den verschiedenen Formen sexuellen Genusses – ja, manche Schüler erfahren nicht einmal, dass es sich dabei um einen Genuss handeln könnte. Letztendlich ist es so, als ob man die Arbeit eines Maurers theoretisch erörtert, aber nie zeigt, wie ein wirklicher Maurer eine tatsächliche Mauer hochzieht. Da sie es wissen wollen, sehen sie Pornografie an – und lernen dabei einen falschen Umgang mit der Liebe. Dies könnte man durchaus als die Folge einer neuen Prüderie bezeichnen.

Geben ist auch in bei der Lust seliger als nehmen

Moralisch sind wir erwachsenen Menschen immer dann, wenn wir in unser Innerstes schauen: Die Liebe mit allen Facetten lockt uns, und sie ängstigt uns zugleich. Moralisch ist nun, den anderen mit seinen Lüsten und Ängsten zu achten und ihm das zu geben, was er sich wirklich wünscht. In unserer heutigen Zeit haben wir dies manchmal vergessen: Geben ist seliger als nehmen – und in der Liebe sowieso. Es ist zwar nicht Prüde, aber hochgradig unmoralisch, in der Liebe nur eigennützig zu sein. Moralischer wäre es, aus vollem Herzen und mit Lust und Hingabe Liebe zu schenken. Die Chance sie vielfach zurückzubekommen, ist groß – viel größer jedenfalls, als wenn wir Liebe, Lust und Sex einfordern. Dies allerdings geschieht gegenwärtig viel zu oft.

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Titelbild: © 2009 by neogabox
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Ehebruch der Frauen: romantische Liebe oder schlichte Geilheit?

Geschrieben von © induna •Samstag, 6. Februar 2010 • Kategorie: liebe an sich


ehebruch

Seitdem die Idee der romantischen Liebe sich mit der Konvention der christlich-bürgerlichen Ehe vermählt hat, wird die Geschichte des Ehebruchs erzählt“, schriebt Kolumnistin Julia Schröder in der „Stuttgarter Zeitung“, und ergänzt: „Meist endet es sehr schlecht für die Ehebrecherin“.

Inzwischen – mache Männer vermerken es seufzend – ist die Ehebrecherin fein heraus. Will sie gehen, und bietet ihr der neue Mann mehr, dann wechselt sie eben den Ast und hüpft ins nächste gemachte Nest – dabei sind Kinder allerdings eher hinderlich, es sei denn, sie bleiben beim Ex-Ehemann. Will sie verheiratet bleiben, dann verheimlicht sie ihre Eskapaden so gut es geht. Im Hintergrund steht die Bedrohung: Wenn du dich wegen der Seitensprünge scheiden lassen willst, wirst du schon sehen, wo du wirtschaftlich landest.

Nein, Frauen gehen heute nicht „mehr oder weniger grausam“ zugrunde. Sie richten Männer leichtfertig zugrunde – das Argument „Liebe“ deckt dann alles andere zu. Oder sollten wir besser „Geilheit“ schreiben? Nun weiß ich, dass einige Frauen sagen: „Na und? Schließlich habt ihr es verdient – und außerdem nehmt ihr euch ja auch jede Menge Seitensprünge raus – und dann noch die vielen Hurenbesuche".

In der „Stuttgarter Zeitung“ geht es übrigens um ein Buch, dass der Österreicher Arno Geiger geschrieben hat: „Alles über Sally“. Nun wissen wir: „Richtig geiler Sex“ ist das Motiv – nun ja, mehr hatten wir ohnehin nicht vermutet.

Verschleierung: Wie der Ehebruch verheirateter Bürgerfrauen gedeckelt wurde

Oh, bevor ich diese kleine Frechheit hier beende: Der Eingangssatz über die Geburt des Ehebruchs wird von der Autorin reichlich an den Haaren herbeigezogen. Erstens nämlich wird die Geschichte des Ehebruchs, der für die Frau gut, für den Ex-Ehemann aber denkbar schlecht ausgeht, bereits in der Bibel erzählt (übrigens mit einem Schulterzucken: Ja, war nicht Rechtens, klar … aber dennoch …), und zweitens war nicht die Vermählung der romantischen Liebe mit der christlich-bürgerlichen Ehe Schuld an den Erzählungen über den Ehebruch, sondern die Tatsache, dass sich gewisse Ehebrüche auch bei „aller Liebe“ nicht mehr verheimlichen ließen. Das Vorbild der berühmten „Effi Briest“, die adlige Elisabeth Freiin von Plotho, wurde ja nicht wegen ihrer Affäre bekannt, sondern weil sich diese auch beim besten Willen nicht mehr verheimlichen ließ. Dazu muss man freilich wissen, dass Affären in der bürgerlichen Gesellschaft des ausgehenden 19. Jahrhunderts keinesfalls ungewöhnlich waren. Sie mussten nur ausreichend „gedeckelt“ werden, das heißt sie mussten „in der Familie“ bleiben und duften nicht nach außen dringen.

Kaum Folgen für den Ehebruch bei Bürgerinnen

Ein Indiz dafür war unter anderem, dass die Tanten und sonstige Verwandte bei der Geburt eines Kindes antanzten, um wenigstens in der Mehrheit zu bestätigen, dass das Kind „ganz nach dem Vater“ käme – und wenn man dafür keine Indizien fand, dann kam es eben „ganz nach der Mutter“. Über biologische Feinheiten bei der Vererbung wusste man nicht viel, und ein DNA-Test war selbstverständlich zu dieser Zeit noch unbekannt. Wenn man nicht so offiziell war, sprach man schon mal davon, dass „den Namen des Vaters nur die Mutter“ kennen würde. Bürgerfrauen wurde zumeist geraten, einige Tage vor oder nach der Affäre mit dem Ehemann zu schlafen, falls die Begegnungen mit dem Liebhaber Folgen haben sollte.

Nun, nicht immer hatten außereheliche Verhältnisse solche Folgen: In den meisten Fällen war es wichtiger, die Affären vor dem Personal zu vertuschen als vor dem Ehemann, der ohnehin seinen Geschäften nachging.

Auch Bürgerinnen tauschten bisweilen Sex gegen Geld

Um das Maß vollzumachen: Als das Bürgertum in voller Blüte stand, kam manche Damen der Gesellschaft die Idee, wie sie ihr Nadelgeld erheblich auffrischen konnten: Nämlich durch Kupplerinnen, die bevorzugt Damen der Gesellschaft suchten – bei ihnen ließ sich die höchste Provision für die Vermittlung verdienen.

Ja, ich weiß, es gab sie auch, die reine Liebe – aber sie war es eben nicht immer, und auch wenn sie „reinen Herzens“ gegeben wurde, so entsprang sie nicht immer einem reinen Charakter.

Redaktion: Wir erwarten Widerspruch zu diesem Artikel. Wer hat Lust darauf?

Das verwendete Zitat erschien in der "Stuttgarter Zeitung"

Der Roman: Arno Geiger: Alles über Sally.
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