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Die kleinen Sünden zwischen den Jahren

Nachdem die Weihnachten und selbst die Raunächte nun überall ventiliert wurden, ist ein Begriff in den Hintergrund geraten: die Zeit zwischen den Jahren.

Tatsächlich gab es diese Zeit früher wirklich. Es war die Zeit „zwischen den Jahren“, also dem Ende des alten Jahres und dem Beginn des neuen Jahres. Während dieser Zeit erwartete man merkwürdige, teils ungebetene Besucher, die in wilden Heerscharen über die Dörfer hinwegfegten. Diese Tage –und vor allem deren Nächte waren keine „heiligen Nächte“, sondern überwiegend Zeiten, vor denen man sich fürchten musste. Es war sozusagen eine „Zeit außerhalb der Zeit.“ Stell euch einfach vor, das alte Jahr würde am heutigen 24. Dezember enden. Dann gäbe es 11 Nächte oder 12 Tage, an denen es weder Jahr noch Monat oder Tag wäre, und erst am heutigen 6. Januar würde das neue Jahr wieder beginnen.

Die Zeit, die es nicht gibt – und die kleinen Sünden

Was läge näher, als diese Zeit ganz auszugrenzen? Wenn es eine zeitlose Zeit gab, warum sollte es dann nicht auch die Zeit sein, in der an kleine Sünden begehen konnte, ohne dass dafür eine Strafe vorgesehen war? Warum sollte man nicht „verkehrte Welt“ spielen? Nein, die Rede ist nicht von den großen Sünden. Gemeint ist viel mehr eine Art Karneval der Sinne, in dem alles was gemeinhin als „Fleischeslüste“ bezeichnet wird, Konjunktur haben könnte. Schuld an dieser Sichtweise sollen die Römer gewesen sein. Ihre „Saturnalien“ zu ähnlichen Terminen waren bekannt für ihre orgiastischen Auswüchse.

Wir haben uns daran gewöhnt, von einer „besinnlichen“ Weihnachtszeit zu sprechen, in der wir nachdenklich, teils grüblerisch werden, uns in die Kindheit zurückbegeben, um dann Wintertrübsal zu erleiden?

Wäre es da nicht lustvoller, sich in eine Zeit hineinzuversetzen, in der – unverbrüchlich – keine der kleinen Sünden gesühnt wird?

Ich las gerade, wie eine Gruppe von Menschen unterschiedlicher Konfessionen, die alle in viktorianische Gewänder gehüllt waren, nach einer internen Feier eine katholische Mitternachtsmesse besuchten. Das mag bizarr klingen, aber es fällt ebenfalls in die Zeit „zwischen den Jahren“, in denen die Sinnlichkeit mit dem Sinn konkurriert und keiner am Ende den Sieg davon trägt.

Unheilige Weihnachten

Nein, Weihnachten ist heute noch nicht. Aber Winteranfang und Wintersonnenwende war gerade ebene. Singles bekomme jetzt Tiefaugen, überprüfen ihre Alkoholvorräte, sehen ins Fernsehprogramm und denken „ich scheiß auf all den sentimentalen Quatsch“.

Die Weihnachtsmärkte verabschieden feierlich ihre Weißbärtigen, die letzten Weihnachtsferien wurden überstanden, sogar die meisten Jul-Frühstücke. Letztere sind wegen ihrer Länge, ihrer Vielfalt, ihres Alkoholkonsums und mancher anschließender Seitensprünge beliebt und gefürchtet.

Die Zwölf Weihnachtstage – und Weihnachtsnächte - kommen noch. Sie sind zugleich der Übergang von christlichen Weihnachten zu den heidnischen Weihnachten. Das wiederkehrende Licht wir mit Radau, viel Licht, bösen Streichen, Ritualen und manchmal mit ausschweifendem Sex gefeiert.

Es ist irgendwie wie jedes Jahr: Weihnachten rührt das Fernsehen die Menschen mit Familienkitsch an, und die Gedanken der etwas Nachdenklicheren unter uns gehen „in Großvaters Haus“:

Wihnachenobend
denn goht wie no boben,
denn pingelt de Klocken,
denn danzt de Poppen,
denn piept de Müs‘
in Grooßvadder sien Hüs‘.


Was letztlich heißt: Sie erinnern sich an das, was Weihnachten einmal für sie war – und nicht nur Weihnachten. Denn wenn die Puppen tanzen, man sich also an das Gute erinnert, und die Mäuse piepen, was wenig Gutes verheißt, dann hat man so ungefähr das, was die Erinnerung an die Vergangenheit, durch Großvaters Haus“ bezeichnet, ausmacht.

Ja, ich weiß, WEIHNACHTEN ist für die meisten von euch das, was Wikipedia verkündet:

Weihnachten, auch Weihnacht, Christfest oder Heiliger Christ genannt, ist das Fest der Geburt Jesu Christi.


Das Christfest mag ja das Christfest sein, aber Weihnachten ist für mich wie für viele andere Menschen des Nordens ist es die Rückkehr des Lichts, so wie es die Germanen und die Römer sahen. Es hat aus meiner Sicht überhaupt nichts mit Religion zu tun, sondern mit einem Naturereignis. Selbst Wikipedia muss zugeben, dass erst der Papst Julius das Fest des Sol durch ein Christenfest ersetzen ließ. Und, Wikipedia: die Natur war immer zuerst da – ihren Verlauf haben Menschen schon beobachtet, bevor sie die seltsame Kunde aus dem vorderen Orient hörten.

Ob es nun für euch die Glocken sind, die derzeit ja angeblich niemals „süßer Klingen“ als derzeit, ob es die Puppen sind, die zwischen den Jahren tanzen, oder die Mäuse, die euer Versagen noch einmal frei nagen – ich wünsche euch frohe Festtage, was immer ihr feiert.

(Zitat oben von Rudolph Kinau, niederdeutscher Schriftsteller)

Schon den Weihnachtsbaum geschmückt?

Oh, Santa!
In den Zeiten, in denen man noch nicht sozial korrekt sein musste, wurde auch schon mal auf diese Weise für feine Strümpfe geworben. Die übrigen Hersteller fanden ähnliche Blickfänge – nur ohne voyeuristischen Weihnachtsmann.

Beim Bild handelt es sich um die Wiedergabe einer Anzeige aus den 1950er Jahren.

Sich selbst hingebungsvoll verschenken

Etwas altmodische, sich selbst zu verschenken?
Man kann sich nicht selbst verschenken, denn da müsste man auf seine ganze Persönlichkeit verzichten, was vernünftigerweise niemand tun und niemand annehmen kann.


Wilhelm Traugott Krug

Willst du einem Menschen zu Weihnachten ein Geschenk machen, dass er mit sehnlichem Begehren längst erhofft hat, aber niemals erwarten würde? Hatte er nicht längst angedeutet, dass er dich begehrt, und hast du nicht schon und wann überlegt, dass es gar nicht so übel wäre, ihn einfach zu besuchen und nur ein Geschenk mitzubringen – dich? Du kannst vorgeben, ihm nur ein kleines Geschenk machen zu wollen, weil sich doch jeder freut, wenn er Weihnachten bedacht wird. Zumal, wenn er Weihnachten allein mit einer Flasche Rotwein herumsitzt.

Der Gedanke, dich dem Mann „zu schenken“, mag dich stören. Doch hast du dich nicht schon oft „verschenkt“? Vielleicht sogar zu oft? Und nun sag: Wie oft hast du dich in vollem Bewusstsein jemandem hingeschenkt, einfach, um ihn glücklich zu machen? Nein, nein, du musst nicht alles schenken. Deinen Persönlichkeit kannst du behalten – du weißt nicht einmal, ob er solch ein Geschenk annehmen würde. Aber du kannst ihm dienen Anblick schenken, dein Lächeln, deine sinnliche Stimme, ein bisschen von deiner Haut, und nach und nach vielleicht ein bisschen mehr davon. Du wirst dir vorher überlegt haben, was du anziehst, nicht wahr? Wenn du mutig bist, kannst du etwas tragen, was der Mann als „Verpackung“ ansieht. Du vergibst dir nichts dabei. Weihnachten wird alles irgendwie verpackt, und jeder liebt die schönen Hüllen, die das eigentliche Geschenk verbergen. Irgendwann wirst du dich entscheiden, wie du dich ihm als Geschenk übergeben willst – bring seien Augen zum Glänzen, vergiss deine Persönlichkeit, konzentrier dich auf den einzigartigen Moment. Je mehr du darin versinkst, umso schöner ist es auch für dich.

Vielleicht bittet er dich, zu bleiben. Dann darfst du Wünsche äußern, damit er nunmehr dich beschenken kann. Und vielleicht wird er dich fragen, ob du nicht ein paar Tage bleiben könntest.

Deine Persönlichkeit kannst du solange an der Garderobe aufhängen, bis dein Liebesrausch verflogen ist – oder seiner. Oder du kannst sie vorsichtig hervorholen, sie Teilchen für Teilchen wieder anziehen und probieren, ob er sie ebenfalls mag. Und wenn das der Fall ist, mag es ja sein, dass er dir eines Tages einen Ring schenkt.