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 Liebeszeitung - eine Zeitung für die Liebe, die Lust und die Leidenschaft

Als Jungfrau in die Ehe gehen ... kaum ein Argument hält stand

Unsicheres Terrain
Nahezu alle Frauenzeitschriften, Internet-Ratgeber und sogar die firmeneigenen Foren der Datingbranche haben sich schon mit der Frage auseinandergesetzt: Was ist eigentlich los mit erwachsenen Singles, die noch „Jungfrau“ sind?

Und was war die Antwort? Ratschläge der üblichen Art: „Lass dir Zeit, deine Zeit wird kommen“, „es gibt da draußen jemand, der (die) ....“ Und immer wieder: Ja, wenn die Liebe mächtig wird, dann wirst du alles überwinden, um „Sex zu haben“.

Bei uns war bereits in diesem Jahr zu lesen (1):

Die beste Einstellung für beide: Sei neugierig auf das, was kommt. Erwarte nichts, genieße die Teile, die du schon genießen kannst, und nimm den Rest als Erfahrung. Versuche später, die Eindrücke zu sortieren. Wenn sich deine Schwierigkeiten trotz aller Bemühungen nicht nachlassen, dann versuche, professionelle Hilfe vor Ort zu bekommen.

Die Moralisten - keine Hilfe, aber dumme Sprüche

Doch es gibt eine andere Seite des Themas. Denn immer, wenn von der „Jungfräulichkeit“ die Rede ist, tauchen religiös und psychologisch motivierte Moralisten auf. Auf den ersten Blick klingen die Argumente plausibel. Etwa, wenn behauptet wird, wir leben heute in einer „übersexualisierten Gesellschaft“ oder es ginge dabei lediglich um den „Konsum von Sex“. Doch mit welcher Voraussetzung gehen solche Menschen an das Thema? Mit religiösem Wahn? Mit angeblich „traditionellen“ Werten, die sie für „bürgerlich“ halten? Mit der Überzeugung, das Körperliche würde die Psyche nachhaltig beeinflussen?

Sie mögen Sprüche klopfen, solange sie wollen. Sie mögen auch „gute Argumente“ haben, aber die nützen in diesem Fall keinem der „Betroffenen“.

Warum Hilfe so schwer zu bekommen ist

Denn wer betroffen ist, hat ernstliche Probleme. Und in diesem Fall trifft der alte Satz zu: „Probleme haben immer diejenige, die (für sich selbst) keine Lösungen mehr finden“. Aus genau diesem Gunde gelingt es auch nicht, Ihnen „Kataloge zur Lösung ihres Problems“ vorzulegen - das funktioniert auch bei anderen sehr persönlichen Problemen nicht.

Es könnte ich um ein unlösbares Problem handeln: Das wäre zum Beispiel, „ich will Sex erst in der Ehe, aber ich habe gar keine Chance, eine Ehe einzugehen“. Eigentlich reicht auch schon dieser Satz: „Ich will meine Jungfräulichkeit nur in einer dauerhaften Beziehung verlieren, aber ich habe keine Erfahrung mit dauerhaften Beziehungen.“

Wenn es sie gäbe, könnte man nun eine Selbsthilfegruppe empfehlen, in der gegenwärtige und ehemalige Betroffene zusammenkommen. Aber Selbsthilfegruppen sind derzeit nicht mehr sonderlich populär, sodass im Grunde genommen nur noch professionelle Fremdhilfe bleibt. Meist geht es gar nicht „nur um Sex“, sondern um „Sex und noch etwas anderes“. Wer dies eingesehen hat, kann in der Regel leichter Hilfe annehmen. Worum es wirklich geht, sind meist Ängste, Befürchtungen, fehlende Erfahrungen im Umgang mit anderen und dergleichen - das finden professionelle Berater zielsicher heraus.

Das „hohe Gut“, das es nicht gibt

Ganz falsch ist die Behauptung, Jungfräulichkeit sie ein „hohes Gut“. Diese Ansicht entstammt der „besseren (bürgerlichen) Gesellschaft“. Der Grund war in keiner Weise „moralischer“ Art, sondern hatte ökonomische Gründe. War aus den Lebensumständen einer Tochter zu entnehmen, dass sie bereits verschiedene Liebhaber hatte, so war es schwerer, sie „unter die Haube“ zu bringen. Und das bedeute: Umso höher musste die Mitgift sein. Allerdings gab es einige Tricks, den Ruf einer Jungfrau zu erhalten und dennoch erste sexuelle Erfahrungen zu machen. Solche Erfahrungen wurden manchmal „aus dem Nähkästchen geplaudert“: erotische Exzesse in Internaten, das Treiben der „Halbjungfrauen“ und manchmal die Mögliche, noch kurz vor der versprochenen Ehe eine Erfahrung mit einem anderen Mann zu machen.

Das 19. Jahrhundert und die weibliche Jungfrau

Über den Unterschied der Frauen aus dem „einfachen Volk“ und der „besseren Gesellschaft“ schrieb ein viktorianischer Gentleman spottend (2):

Eine Frau aus einfachen Verhältnissen lernt viel früher, welche Lüste ihr ein Mann bereiten kann. Die Frauen aus der besseren Gesellschaft versuchten, durch ihre verschlossenen Schösse die Aussicht auf eine bessere soziale Position zu erhöhen. Doch sie litten heimlich an der Entbehrung.


Klar - das würde man heute als „männlichen Chauvinismus“ einstufen. Andererseits waren sich die Frauen aus dem Adel und dem „besseren Bürgertum“ durchaus bewusst, was sie begehrten. Sexuelle Erfahrungen vor der Ehe? Die konnten sich manche Frauen durchaus verschaffen. Im späten 19. Jahrhundert war es allgemein üblich, dass Internatsschülerinnen ihren Lüsten freien Lauf ließen - allerdings eher untereinander als mit Männern. Und ohne Internat, als „höhere Tochter“ kurz vor der Eheschließung? Auch das war möglich - es galt nur, einen plausiblen Weg zu finden, ab und an alleine das Haus zu verlassen. Wohlgemerkt - wir reden von „besten Kreisen“. (3)

„Männliche Jungfrauen“ im 19. Jahrhundert sind ein besonderes Kapitel. Um in dies Thema einzudringen, muss man die Rüstung des Wohlanstands ganz ausziehen. Denn im Grunde versuchten die jungen Männer des 19. Jahrhunderts alles, was sich überhaupt nur „ausdenken“ ließ, um das zu sammeln, was man gemeinhin „Erfahrungen“ nannte.

Das Fazit

Es gibt keinen plausiblen Grund, „Sex bis zur Ehe zu verschieben“. Wer es tut, folgt eher einem „inneren Gelübde“ als irgendeiner Form von Moral. Irgendwann ergibt sich die Frage, ob es sinnvoll war, „schon so früh“ oder „erst so spät“ nach sexuellen Lüsten zu suchen - aber das ist eine Frage der individuellen Betrachtung.

(1) Liebeszeitung.
(2) Gereinigte und an die deutsche Sprache angepasste Version eines Zitats aus viktorianischer Zeit.
(3) Am Beispiel von "Nixchen". Das Buch ist von Helene Keßler, die sich "Hans von Kahlenberg" nannte.
Im Artikel wurden weitere Beiträge aus dem 19. Jahrhundert verwendet, die hier nicht näher angeführt sind.

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