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Das historische Internat als Schule der Begierden

Zwei Frauen mögen einander ...
Das historische Internat als Schule der Begierden - eine späte Betrachtung der Fakten und Meinungen, die über
gleichgeschlechtliche Liebe unter Frauen in Internaten der Jahrhundertwende bekannt wurden.


Nicht nur Schriftsteller, auch Zeitzeugen, unter ihnen „höhere Töchter“ und andere Absolventen von Mädchenpensionaten, aber auch Psychiater, schrieben mal offen, mal etwas verblümt über die brodelnden sexuellen Begierden in den Internaten zwischen dem Victorianschen Zeitalter und den frühen 1930er Jahren. Es mag sein, dass entsprechende Aktivitäten und Umstände auch später noch auftraten - aber dann unter anderen Gesichtspunkten.

Eine der bekanntesten und freizügigen Schriftstellerinnen jener Zeit, Franziska Gräfin zu Reventlow, eine Zeitzeugin des ausgehenden 19. Jahrhunderts, schreibt durchaus aus eigener Anschauung (1):

Das moderne junge Mädchen ist fast durch die Bank demi-vierge, wenn es die Schule verlässt. Es ist auch kaum anders möglich bei der starken Betonung des Sexuellen (… ) in Schule und Pension wird die Neugier geweckt und gesteigert …“


Wesentlich genauer sagt es eine Zeitzeugin der viktorianischen Ära, die möglicherweise auch heute noch schockierend wirkt (Pseudonym Mary, 1870).(2):

Als ich zwölf Jahre alt war, wurde ich in ein … Internat für junge Damen geschickt. Mit vierzehn Jahren habe ich mir angewöhnt, mich selbst zu missbrauchen, und zwar durch die Lehren meiner Mitbewohnerin, die einige Jahre älter ist als ich.

Die Begierde ging von den Insassen selbst aus

Richtigerweise machte man nicht die Internate selbst dafür verantwortlich, sondern die übergroße Intimität sowie den Gruppendruck unter den Internatsschülerinnen. Es hieß (abermals 2):

Bei dem engen Kontakt, der zwangsläufig zwischen den Schülerinnen besteht, reicht ein sehr geringer Anteil von schamlosen oder moralisch schwachen Mädchen aus, um die anderen Schülerinnen des Internats in dem Alter zu verderben, in dem sie leicht beeinflussbar sind. Das System, in einem gemeinsamen Schlafsaal zu nächtigen, reicht aus, um die private Sittsamkeit zu zerstören. Und wenn diese fehlt, wird das Bollwerk der Unschuld des Mädchens zerstört. Es sind diese Umstände, in denen das geheime Laster gedeiht - in einem Ausmaß, das man kaum glauben kann. “


Verdorbene Zöglinge oder einfach nur wonnige Lust?

Der bekannte, in Wien tätige Psychiater Krafft-Ebing (3) kennt zwar keine eigenen Fälle, zitiert aber den Franzosen Ali Coffignon: Dieser nennt ca. 1890 verschiede Konstellationen, unter denen Mädchen und Frauen zur lesbischen Liebe verführt wurden, unter anderem durch das „Zusammenschlafen weiblicher Dienstboten im selben Bett“ und die „Verführung in Pensionaten durch verdorbene Zöglinge.“

Auch der Schweizer Psychiater Auguste Forel (4), ebenfalls Buchautor und eine Berühmtheit seiner Zeit misst den Internaten selbst einen verderblichen Einfluss zu:

Einen eigentümlichen Einfluss auf das Geschlechtsleben üben alle Internate, das heißt, alle Institute, wo ein und dasselbe Geschlecht in intimer Weise für längere Dauer in einer größeren Anzahl zusammenlebt. Also solche sind alle Klöster und Internatsschulen, wie zum Beispiel die französischen Lyzeen, zu erwähnen. Die große Schattenseite all dieser Institutionen liegt in der Gefahr der Ansteckung der Insassen durch onanistische und homosexuale Gewohnheiten.


Allerdings weiß der Psychiater auch, dass sich die Schülerinnen gegenseitig verführten, ohne „homosexual“ zu sein. Auf Frauen bezogen schreibt er:

Viele sehr sinnlich-erotische Individuen (suchen) in derartigen Institutionen ihren Geschlechtstrieb an den Genossen … die Weiber durch lesbische Liebe und … durch mutuelle Onanie zu befriedigen. Die Gefahr kommt besonders daher, dass unter den vielen Leuten ein sich leicht ein sexuell perverses Individuum unbemerkt einschleicht, das es allein, viele andere anstecken, das heißt verführen kann …


Diese Einschätzung wird von Zeitzeugen nicht unbedingt geteilt. Es waren nicht „sexuell perverse Individuen“, sondern betont sinnlich veranlagte Menschen, die sich sexuelle Beziehungen wünschten und sie gegebenenfalls auch durch aktive wie passive Verführungen mit interessierten Mitschülerinnen umsetzten.

Liebesbeziehungen unter Frauen, die gemeinsam nächtigen

Romanthema Erziehungsanstalt
Auch die Autorin Julie Peakman (5) nennt vor allem die Internate als Brutstätten gleichgeschlechtlicher Beziehungen zwischen Frauen. Neben den Internaten (Boarding Schools) wurden auch Erziehungsheime, kasernierte lebende Frauen, mittelalterliche Nonnenklöster und Gefängnisse verdächtigt – sicher nicht zu Unrecht. Aus authentischen Quellen (6) wird zitiert, dass es in Erziehungsheimen durchaus üblich war, dass dem weiblichen Neuzugang ein Kassiber mit einer Locke übermittelt wurde als Zeichen, dass die betreffende Insassin eine sinnliche Beziehung wünschte. War die Rezipientin einverstanden, begannen beide eine Affäre. Das Erstaunliche daran war, dass sich weder die jungen Frauen in Erziehungsheimen noch die Soldatinnen (7) oder Internatszöglinge als „lesbisch“, „sapphisch“ oder dergleichen etikettieren lassen wollten. Sie gaben sich einfach einander hin, weil es ihnen Freude bereitete.

Echter Roman, als Groschenheft veröffentlicht
Warum es kaum Berichte darüber gab, sollte niemanden erstaunen. Wäre irgendetwas an die „Große Glocke“ gehängt worden, dann hätten sich Katastrophen angebahnt (bei Internaten beispielsweise Abmeldungen). Auch die Liebe der Schülerinnen zu ihren Lehrerinnen wurde als Schwärmerei abgetan, solange sie nicht erwidert wurde. Dass dergleichen dennoch vorkam, berichtet eine Schülerin jener Zeit (Ester Hodge (8), aus der Zeit um 1920):

Die Initiative ging zweifellos von ihr (der jungen Lateinehrerin) aus, aber ich beantwortet sie sogleich mit Leidenschaft und besuchte sie oft in ihrer Wohnung.


Ähnliche Schilderungen der verschmähten oder nicht ausgeführten sinnlichen Kontakte finden wir in bekannten Romanen wie „Mädchen in Uniform“ („Das Mädchen Manuela“) und sogar in „Picknick am Valentinstag“.

Auch im erotischen Roman

Die Beziehungen unter Internatsschülerinnen beschäftigten nicht nur die Autorinnen und Autoren, die Zeitgeschichte in Romane umsetzten, sondern durchaus auch jene, die den Aspekt der Leidenschaft als Stimulanz verwendeten. So, wie in diesem Roman, aus dem ich einen her "harmlosen" Abschnitt zitiere (7):

Nachdem bekannt wurde, dass Ylette und ich mit dem Cunnilingus wohl vertraut waren, bekam ich von vielen Mädchen des Internats heimlich Zettel zugesteckt, die mich anflehten, mit ihnen zu schlafen. Eine besonders Lustvolle ging sogar so weit, mir die Länge ihrer Zunge mitzuteilen, die sie mit einer Schnur vermessen hatte.


Die Wirklichkeit - sinnliche Wünsche lassen sich nicht unterdrücken

Ob Realität, sinnlich-schwärmerische Verklärung, Fiktion oder Erotisierung – was genau geschah und ob es sich wirklich um „lesbische“ Beziehungen oder nur um lustvolle Begegnungen aus Mangel an anderen Möglichkeiten handelte – wer will es eigentlich wissen? Nut diejenigen, die sich über das Geschehene echauffieren. Allen anderen dürfte klar sein, dass der Druck, der auf den „Pensionistinnen“ lastete, sei er romantisch-verklärt, vergeistigt oder offenkundig „irgendwie hinaus wollte.“

(1) Franziska Gräfin zu Reventlow – „Das Männerphantom der Frau“ von 1898.
(2) Mary nach "Masturbatio of ... angeblich in Dr. Dr. La Croix’s Physiological View of Marriage - erschienen 1867. laut Lewiston Evening Journal.
(3) Psychopahtia Sexualis", 1886.
(4) Forel "Die Sexuelle Frage", 1904.
(5) "The Pleasure is All Mine", London 2013
(6) Margaret Otis, 1913
(7) Was Soldatinnen betrifft - Tereska Torrès in "Jeunes femmes en uniforme"
(8) Ester Hodge zeitlich 1920 zugeordnet, Erinnerung.
(9) Flossie - erotischer Roman, Swinburne zugeschrieben (1902).
Foto oben: Historisch, koloriert. Bilder unten: Aus "Groschenheften" oder als Groschenheft veröffentlichter Literatur,

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