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 Liebeszeitung - Liebe, Lust und Sex

Die erotischen Träume der Frauen



Die erotischen Träume der Frauen - einst und jetzt

Die bürgerliche Welt gab sich stets schockiert, wenn erotische Fantasien angesprochen wurden. Auf dem Höhepunkt der bürgerlichen Gesellschaft schrieb ein forensischer Psychiater ein Buch, das bald überall zitiert werden sollte: Es hieß „Psychopathia Sexualis“ und sein Autor war der auch heute noch viel zitierte Freiherr Dr. Richard von Krafft-Ebing. Wer es lesen wollte, musste ein wenig Fantasie zischen den Zeilen aufwenden, und auch Lateinkenntnisse nützten: Dann bot sich die ganze Vielfalt männlicher Abgründe – aber kaum solche weiblicher erotischer „Perversionen“.

Die „große Literatur“ lieferte manche Vorlage. Vor allem aber war es ein gewisser Ritter von Sacher-Masoch, der die Fantasien durch sein Werk „Venus im Pelz“ anheizte, einen Roman um Pelzfetischismus, Hörigkeit und Schläge. Der Ritter selber musste in den teilweise autobiografischen Roman stets als Kronzeuge für die Verwerflichkeit seines Handelns hinhalten – Wanda, die verführerische, aber auch durchtriebene Frau, wurde nicht als „pervers“ angesehen.

Die ersten Anklänge an die erotische Fantasiewelt der Frauen

Noch wildere Bücher weiblicher Sinnlichkeit wurden unter dem Ladentisch gehandelt, beispielsweise das wilderotische, grausam-schöne Untergrundwerk „Beauty and Birch“, ein 1906 erschienener Briefroman, der nicht nur alle männlichen Fantasien der Unterwerfung von Frauen schildert, sondern auch beschreibt, wie eine vornehme junge Frau genüsslich zusieht, wie ihre Geschlechtsgenossinnen malträtiert werden: „Sie werden heute Nacht zu jeder vollen Stunde für fünf Minuten die Rute bekommen. Ich kann nur hoffen, es werden 10 Minuten sein“. Das Zitat ist einer der harmloseren Stellen des Buches.

Ebenso genüsslich und in plastischer Schilderung peitschen die Damen der Gesellschaft ihre Dienstmädchen im lesbischen Flagellantenroman „Die Wonnen der Rute“ (1889) aus, etwa wenn die Herrin ihre Dienstmädchen so heftig peitscht, bis sich die „fleischigen Hinterbacken spreizen“ und sich so das „hochrote Liebesparadies … abwechselnd öffnet und wieder schließt“. Allerdings konnte niemals verifiziert werden, ob dieses Buch von einer Frau stammt, da es unter einem Pseudonym veröffentlicht wurde.

Selbst gegenüber Ärzten schwiegen Frauen wie Austern

Bereits in der bürgerlichen Epoche drang gelegentlich an die Öffentlichkeit, dass auch Frauen erotische Fantasien hatten, doch weigerte sich die Gesellschaft konstant, diese zur Kenntnis zu nehmen. Man kann daran sehen, wie das Bürgertum seine Fassade voll im Griff hatte – sogar gegenüber Ärzten. Der bereits erwähnte Krafft-Ebing scheiterte beispielsweise an der Beschreibung des Sadismus der Frau, weil die betreffenden Personen nicht zu seiner Klientel gehörten, und er verweist auf „die Geschichte“, in der sich „Beispiele von illustren Frauen“ befänden, deren „Herrschsucht, Wollust und Grausamkeit die Annahme einer sadistischen Perversion“ nahelegten. Auch über den weiblichen Masochismus weiß er nicht viel, obwohl er behauptet, „beim Weibe sei die Unterordnung unter das andere Geschlecht eine physiologische Erscheinung“. Warum man dennoch keine Kenntnisse darüber hatte, begründete er so:

„Innere und äußere Widerstände, Schamgefühl und Sittsamkeit stellen naturgemäß beim Weibe dem Durchbruch perverser sexueller Triebe nach außen fast unüberwindliche Hindernisse entgegen“


Der erste große erotische Roman einer Frau war ein Schock

Es sollte noch viele Jahre dauern, bis zum ersten Mal ein Roman veröffentlich wurde, der wilde, verwegene Fantasien einer Frau enthielt: Die Geschichte der O, 1954 erschienen, beschreibt in einer für die damalige Zeit erschreckend plastischen Weise die vollständige, freiwillige und bisweilen brutale sexuelle Versklavung einer jungen Frau. Doch das, was die Menschen wirklich entsetzte, war nicht die ausgesprochen freizügige und detaillierte Schilderung selbst, sondern die Tatsache, dass die junge Frau ihre Lust am Schmerz schilderte, die sie dabei empfand.

Die Wahrheit über die sexuellen Frauenfantasien, aus der ja die „Geschichte der O.“ restlos entsprungen war, wurde allerdings weiter unterdrückt – und nicht nur vom weiterhin bigotten und biedermännischen Bürgertum. Auch die Feministinnen versuchten, eine Art „Reinheitsgebot“ für Frauen durchzusetzen, deren Wesen im Grunde immer „edel und gut“ sei, die aber durch Männer verdorben würden und nur deshalb zu irgendwelchen Sauereien bereit seien. Schon bald kam es zu einer intellektuellen Diktatur des Feminismus in den Medien, in der jeder Redakteur als Chauvinist beschimpft worden wäre, der es gewagt hätte, die Wahrheit zu schreiben.

Wilde erotische Frauenfantasien am Ort des sicheren Rückzugs

Auch heute ist es schwierig, das Thema neutral anzusprechen: die Reste des Bürgertums und des Feminismus, vor allem aber die fundamentalistisch, grün oder klerikal engagierte Gutmenschenschaft versucht nach wie vor, das Bild eines „edleren“ Geschlechts hochzuhalten.

Auf der anderen Seite gibt es heute bereist viele Frauen, die zu ihren eigenen Fantasien stehen. „Fantasien“, so heißt es, „sind ein Ort des sicheren Rückzugs“ – und dort ist dann eben alles möglich: Sex mit mehreren Männern, mit Frauen, Paaren oder Angehörigen anderer Ethnien sind relativ harmlose Formen der Fantasie. Verhört, geschlagen oder gefoltert zu werden oder auch selbst zu verhören, zu schlagen und zu foltern, sind die stärkeren. Worüber kaum geredet wird: Der Traum von der spontanen, totalen und kompromisslosen Unterwerfung wird ebenso geträumt wie entsprechende Fantasien, Männern solange zu malträtieren, bis sie willenlose Werkzeuge der Lust werden.

Weibliche Lustträume - Ausleben oder in der Fantasie lassen?

Sollten Frauen ihre Träume nun ausleben oder verwirklichen? Die meisten Psychologinnen und Psychologen raten dabei zu äußerster Vorsicht. Die Schwelle vom Traum zur Wirklichkeit wird oft unterschätzt, denn keinesfalls finden sich immer und überall zuverlässige, bereitwillige Männer und Frauen, die solche Fantasien unterstützen. Da viele „gute“ Männer weibliche Wünsche nach Unterwerfung ablehnen würden, sei die Gefahr, an einen wirklichen Sadisten zu geraten, viel zu groß. Bei anderen erotischen wünschen müsse man genau prüfen, was man damit erreiche und was man vielleicht gefährde. Ehefrauen müssten beispielsweise damit rechnen, dass der Ehemann einem gemeinsamen Dreier einem Mann nicht zustimmen wird – man riskiere also mindestens einen Ehekrach.

Doch es gibt einen Ausweg: Man kann den Freund oder Ehemann schrittweise in die eigenen Fantasien einweihen und dafür sorgen, dass er mehr und mehr daran partizipiert – dies ist in Rollenspielen ohne Weiteres möglich, vor allem dann, wenn die Frau einmal dominieren will. Schwieriger wird es nach Berichten von verheirateten oder anderweitig gebundenen Frauen, wenn der Mann dominieren soll. Insbesondere, wenn die Frau bereits Mutter ist, wird dieser Wunsch von Männern oft als „extrem abartig“ empfunden. Wer sich dann immer noch quälen, schlagen oder erniedrigen lasse will, muss schon ins Domina-Studio gehen:.

Bildnachweis:
Oben: historisches koloriertes foto
Mitte Illustration: Helga Bode, Illustration, Ausschnitt
Mitte Foto:© 2007 by platinumblondelife
Unten: © 2007 by milena mihaylova

Die Jungfrau und die Lust am bösen Buben

der schreckliche dr. orlof - filmplakat (ausschnitt)


Irgendwann im Frühling, irgendwo in Deutschland. Man gibt das Musical „Jekyll and Hyde“ . Viele der Zuschauerinnen sind unter 25, und sie starren die Bühne an: Na, ja edler Jekyll, wie schön, dass du die Welt vor dem Elend der Schizophrenie retten willst, und deine Braut – ach, wie romantisch, aber leider so schrecklich langweilig. Sobald sich Jekyll aber in Hyde verwandelt, kommt Glanz in die Mädchenaugen – ja, der wilde Kerl dort, ein richtiger Mann, der fackelt bestimmt nicht lange – und schon wähnen sie sich in seinen straken Armen – Mörder oder nicht Mörder ist gar nicht die Frage, sondern nur eins: „Nimm mich, Hyde …“ Es verwundert nicht: denn der "böse" Hyde räumt erst einmal dort auf, wo es sich lohnt - das Video zeigt die Szene deutlicher, als sie damals in Deutschland auf der Bühne gezeigt werden durfte. (Weiter nach dem Video)



Eigentlich ist der Prinz für die Entjungferung zuständig

Eigentlich lernt es das junge Mädchen ja anders: Nicht der wilde Raubritter soll ihre Jungfräulichkeit nehmen, sondern der edele Prinz. Dornröschen, nuscheln die Gutmenschen, musste ja auch warten, bis endlich der richtige Mann kam – ein Held, fürwahr. Da fällt doch dieser Abstaubprinz ziemlich ab, der das Schneewittchen mal eben so als Ausstellungsstück mitnahm. Freilich ist dies nicht die einzig mögliche Moral: Auch Monster und Kröte werden erlöst, wenn eine Jungfrau mit ihnen schläft, und Jungfrauen sollen auch schon ganze Städte vom Vampirismus gerettet gaben. Die reine Jungfrau gibt sich dem Bösen hin – welch herrliche Vorstellung, nicht wahr?

Wenn jungfräuliche Männer bösen Frauen verfallen

Übrigens gibt es solche Geschichten ganz selten anders herum: Die Hexe wird nicht etwa durch Geschlechtsverkehr erlöst, sondern durch ritterliche Widerstandkraft: Gefragt, ob er lieber den Tod oder den Beischlaf mit einer absolut hässlichen, alten Frau bevorzugt, wählt dieser „keines von beiden“ und sofort verwandelt sich die alte Hexe in ein wunderschönes Mädchen, weil der Ritter dem schnöden Gedanken widerstand, mit „Augen zu und rauf“ das Leben zu erringen. Wer den deutschen Dichter E.T.A. Hoffmann kennt, weiß, wie der Teufel in Frauengestalt Männer verführt und sich ein harmloser Student durch die dämonische Kraft eines Opernglases sogar in eine Puppe verliebt.

Der moderne Vampir muss leider keusch bleiben

Doch, ach, die Zeiten haben sich geändert. Selbst Vampire müssen jetzt keusch bleiben, schrecken vor der finalen Besiegelung des symbolischen Geschlechtsaktes vermittels Vampirzahn zurück. Die neue Keuschheit ist so keusch, dass der Vampir das Mädchen nicht einmal küssen darf – man denke, sie könnte ja eine Verletzung an den Lippen haben, wodurch unzweifelhaft die Kräfte des Teufels erneut hervorgerufen werden könnten und die Jungfrau in Hollywoodmanier nach und nach dahinsiecht. Auslöser ist eine neue Teenager-Kitschliteratur, die von einer gewissen Stephenie Meyer erfunden wurde. Angeblich schreibt sie so etwas aus der Überzeugung ihrer mormonischen Glaubensgemeinschaft heraus, was man glauben kann oder auch nicht. Das lachhafte Machwerk heißt "Twilight" zu deutsch "Zwielicht". Da der Titel für den deutschen Markt offenbar noch zu intelligent war, hat man das Buch in "Bis(s) zum Morgengrauen" umgetauft.

Übrigens waren auch die Geschichten von damals moralinverseucht: Gerttet wurden natürlich, wie immer, nur dieguten, echt reinen Jungfrauen, die den ersten Vampirbiss eher gegen ihren Willen empfangen hatten. Doch den anderen musset es zwangsläufig dreckig gehen: Trotz des Schließens der Dachfenster, Unmengen von Knoblauch und anderer Maßnahme wurden sie nicht gerettet. Die meisten warteten röchelnd vor Sehnsucht, wenngleich voller innerer Zweifel, auf den erneuten Vampirbiss. Klar, dass sie sich am Ende doch hingaben und dadurch einen vorübergehenden Tod erlitten, in dessen Folge sie wieder auferstanden und selbst zu Vampiren wurden. Die Moral: Kind, wenn du es einmal getan hast, wirst du den Drang verspüren, es immer wieder zu tun. Also tu es erst gar nicht.

Nein – nichts mehr davon. Das moderne junge Mädchen umgibt sich mit der Gefahr, lässt Werwölfe und Vampire in sein Leben und wer sich wundert, dass nicht auch noch die Gräfin Bathory schnell mal vorbeikommt und statt in Blut in Eselsmilch badet, der sollte wissen, dass es die Religion ist, die dies verhindert (jawoll, hätten sie nicht gedacht, oder?). Lesbisch zu sein ist schließlich schlimmer als die Nächte mit des Teufels Brut zu verbringen.

Nun – auch die Zeit wird vergehen. Werwölfe und Vampire als Haustiere sind ja ganz nett, aber, irgendwann haben es die Hormone auch geschafft, den Körper von schwärmerischer Romantik auf pure Begierde umzustellen, auch wenn Christa Meves und ihre Anhängerschaft darüber anderer Meinung sein sollten.

Die Begierde schlägt durch, sobald die Hormone die Oberhand gewinnen

Erwachsene Frauen (die Pubertät dauert bis etwa 25) wissen ohnehin, dass sich die Begierde irgendwann einen Weg verschafft. Nur Leichtsinn und Alkohol bringen erwachsene Frauen heute noch in die Gefahr, sich auf irgendwelchen Partys vom Macho abschleppen und vielleicht sofort schwängern zu lassen. Mit eben diesen Machos, wenn man sie denn wirklich real will, lernen Frauen umzugehen: Sie sind für die kleinen frivolen Abenteuer zwischendurch – und dabei sind sich darüber klar, dass der Macho gestern vielleicht bei einer anderen war und nächsten Monat wieder zu einer anderen geht – oder zu seiner Ehefrau, die schon etwas machomüde ist.

Diejenige, die gar keinen Macho im Leben haben werden machen in Selbsthilfe: Die Fantasie lässt alle möglichen Männergestalten entstehen, die noch viel wilder und schrecklicher sind als im wirklichen Leben. „Küsse mich und quäle mich“ ist im wirklichen Leben einer Geschäftsführerin vielleicht nicht möglich, weil sich so etwas herumsprechen könnte – in der Fantasie aber gibt es keine Schleusen, in der die Lüste ruhen müssten.

Wie war das also mit der Keuschheit vor dem Vampir? Nun nennen wir es mal pubertäres Kaspertheater mit Holzpüppchen. Ich bin überzeugt, dass dieses mormonische Gretel noch viele Bücher schreiben wird, in denen das Höschen oben bleibt und der Hals nicht mit Blutflecken verunziert wird. Aber irgendwann will man eben nicht mehr Kaspertheater gucken, nicht wahr?


Titelbild: Titel: Nicht genauer identifizierbares Filmplakat für den Film: "Gritos en la noche" - "Der schreckliche Dr. Orlof"

Bild Mitte: Jekyll and Hyde: Ankündigung des Musicals auf einem Plakat - natürlich mit dem bösen Hyde