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Was ist erotischer Masochismus wirklich?

Erotische Unterwerfung
Schon der an sich recht distanzierte Psychiater Krafft-Ebing vermutete, dass der erotische Masochismus durchaus natürliche Wurzeln haben könne.

Orakelnd schreibt er in der Schlussbetrachtung zum „Versuch einer Erklärung des Masochismus“ (1):

Im Zustand der wollüstigen Erregung … (ist) … jede Einwirkung, welche von der Person, von der der sexuelle Reiz ausgeht, auf den erregten ausgeübt wird, willkommen, unabhängig von der Art dieser Einwirkung“.

Nicht nur der Krafft-Ebing, sondern auch viele andere Psychiater und Psychotherapeuten sahen den Masochismus als Umkehrung des Sadismus. Durch die Sammlung von Fallbeschreibungen, wohl aber auch durch die Lektüre von Sacher-Masochs Hauptwerk „Venus im Pelz“ oftmals zu der Erkenntnis, dass Sadismus und Masochismus zwei Seiten derselben Medaille waren.

Die Evolution hat Unterodnung favorisiert

Vergessen wurde dabei, dass die Evolution uns mit zwei Eigenschaften ausgestattet hat, die beide auf „Unterordnung“ ausgelegt sind. Die Erste besteht darin, dass wir uns eher unter die Alpha-Tiere unterordnen als gegen sie zu kämpfen. Oder mal ganz einfach: Es ist wesentlich bequemer, mit den Wölfen zu heulen als der Leitwolf zu sein. Die zweite Eigenschaft besteht in den Drogencocktails, die unser Gehirn bereithält, wenn es um die Fortpflanzung geht: Gehirn ausschalten, Gefahr ignorieren, im Sinnesrausch begatten oder begattet werden. Was dabei alle sonst noch geschieht, wird vom Ruf der Natur plattgewalzt.

Selbstzweifel eiens Psychiaters und der Zeitgeist

Krafft-Ebing hatte an seinen Theorien, die bis heute in der Psycho-Welt vertreten werden, durchaus Zweifel. Dies ist deutlich daran erkennbar, dass er bei Unsicherheiten plötzlich sehr verklausulierte, lange Sätze benutzt wie diesen:

Ich meine hier die allverbreitete Tatsache, dass in unzähligen und in den verschiedensten Variationen auftretenden Fällen ein Individuum in eine ganz ungewöhnliche, höchst auffällige Abhängigkeit von einem Individuum des anderen Geschlechts gerät, bis zum Verlust jedes selbstständigen Willens, eine Abhängigkeit, welche den beherrschten Teil zu Handlungen und Duldungen zwingt, die schwere Opfer am eigenen Interesse bedeuten…

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Warum sinnliche Unterwerfungen so beliebt sind

Auf die Knie, Mann!
Warum tun Menschen so etwas? Sich mal bewusst spielerisch, mal etwas ernsthafter einem anderen Menschen zu unterwerfen? Die Antworten die wir darauf erhalten, entstammen zumeist der forensischen Psychiatrie. Aus ihr beziehen wir Worte wie Masochismus, Sadismus und noch ein paar andere, die alle recht unangenehm klingen.

Unterwerfung jenseits der Psychiatrie

Doch eigentlich sollten wir davon reden, was Menschen in ihren Leben wollen, was sie von anderen erwarten und wie sie ihre Wünsche vorbringen und durchsetzen.

Dabei stellen wir schnell fest: Deutsche sind ausgesprochen Verantwortungsscheu, wenn es um die Führung der Mitmenschen geht. Ein namhaftes Institut stellte kürzlich fest, dass bestenfalls sieben Prozent der Mitarbeiter von Wirtschaftsunternehmen eine Führungsrolle anstrebten. Da heißt: in Deutschland ist nur einer von etwa 14 Mitarbeitern bereit ist, Führungsverantwortung zu tragen. Nun ist es nicht so, dass die anderen 13 „devot“ sind, und wir gehen davon aus, dass recht viele von ihnen in der Lage sind, sich selbst zu führen. Der verbleibende große Rest benötigt vermutlich Führung im Sinne von Anleitung.

Hilfreiche Psychologie: P-A-CH Modell

Auch aus einem Winkel der Psychologie finden wir Antworten: Im PACH-Modell von Eric Berne. Das Modell sagt uns, dass wir als Erwachsene sowohl den Idealzustand der freien, unabhängigen Person (A) praktizieren als auch zwei andere Zustände: Die „Eltern-Haltung“ (P) und die Kinder-Haltung“ (CH).

Warum, um Himmels willen, sind wir nicht immer unabhängige Erwachsene, die stolz und selbstbewusst durchs Leben gehen? Die Antwort findet sich hier, etwas umgesetzt und gekürzt lautet sie so:

Als Kinder haben wir gelernt, vor allem ein Verhalten zu zeigen, auf das die Menschen unserer Umgebung mit positiver Beachtung reagieren. Als Erwachsene aktivieren wir dieses Verhalten, sobald wir unsicher oder erschöpft sind und glauben, durch Wohlverhalten (und manchmal auch durch das Gegenteil) Zuwendung zu bekommen.

Durch dieses Verhalten manipulieren wir aber auch unsere Umgebung, sich „nach Elternart“ zu verhalten, also zu trösten, zu raten oder auch mal scharf zu intervenieren. Je nachdem, ob wir (und die anderen) dieses Verhalten als Spiel erkennen oder nicht, können beide Rollen lustvoll sein.

Das Spiel damit, schuldlos zu sein

Unterwerfung - auf Knien, der Blick nach oben gerichtet
Wenn wir nun diese Aussage mit dem zuvor gesagten kombinieren, dann fällt uns wie Schuppen von den Augen, was eigentlich alle wissen: Als Erwachsener ein Kind zu spielen, ist zumeist sicher und oftmals lustvoll. Wer es tut, gibt die Verabtwortung für die Dauer des Spiels „an der Garderobe ab“. Und wir haben nun auch schon erfahren, wer wen manipuliert: Meist ist es der Mensch, der gerade sein Kindheits-Ich pflegt.

Die Begriffe der heutigen Zeit sind im Grunde pseudowissenschaftlich. Wer die „Erzieher- oder Elternrolle spielt“ ist weit entfernt vom Marquis de Sade, und auf keinen Fall ein Sadist. Und so schräg die Ansichten des Herrn Sacher-Masoch auch gewesen sein mögen – ihm im Spiel zu folgen ist kein Masochismus.

Im Traum ist mehr als die Hälfte der Menscheit erotisch unterwürfig

Zahlen sind immer hilfreich. Im erotischen Bereich weiß man sehr genau, wie groß der Anteil der Bevölkerung ist, der von erotischer Unterwerfung träumt und wie stark der Anteil derjenigen, die dominieren wollen. Es sind etwa 65 Prozent der Frauen und gegen 53 Prozent der Männer. Bei jenen, die von Dominanz träumen, sind es 47 Prozent der Frauen und etwa 60 Prozent der Männer. Damit ihr nicht vom Hocker fallt: Das heißt nicht, dass es die Befragten wirklich tun – aber sie haben erotische Fantasievorstellungen, in denen Dominanz und Unterwerfung vorkommen.

Die Frage, welche Spiele bevorzugt würden, wenn die Wünsche Realität wären, liegt ebenfalls nicht im Dunkel. Sich fesseln zu lassen und sich dadurch der lustvollen Willkür des Partners auszusetzen, ist als Fantasie bei Frauen und Männern etwa zu gleichen Teilen verbreitet. (Frauen 52 %, Männer 46 %).

Zwischen der Wunschwelt und der Realität klafft eine Lücke: Nur wenige der sinnlichen Fantasien werden in die Tat umgesetzt. Wer nur die Zahlen wälzt, wird es nicht verstehen – wir müssen zurück zum PATCH-Modell.

Warum eine reale lustvolle Unterwerfung schwierig ist
Weder Fesseln noch Peitschen - eine simple Unterwerfung

Wir haben gesehen, dass „Führung in Verantwortung“ unbeliebt ist. Und wir können durchaus annehmen, dass es nicht viele Menschen gibt, die sich „Elternrollen“ gegenüber Erwachsenen wünschen. Es reicht ja nicht, sich einfach zurückfallen zu lassen und zu sagen: „Mal sehen, was passieren wird.“ Nein, es ist eine Verantwortung besonderer Art, und sie kostet viel Überwindung. Vergleichbar ist dies bestenfalls mit einem Ausbilder von Soldaten oder Leistungssportlern: Der andere leidet, und du sorgst dafür, dass er noch mehr leidet, bis er an seine Grenzen kommt. Jeder zivilisierte, gesunde Mensch, ob Frau oder Mann, hasst die Forderung, andere zu zwingen, zu quälen, zu schlagen oder zu erniedrigen. Aus diesem Grund vermeiden Menschen zumeist, dominante Rollen anzunehmen, in denen sie extreme Handlungen durchführen sollen.

Unterwüfige Menschen haben die leichtere Rolle

Im Gegensatz dazu ist die Rolle des manipulativen, spielerisch veranlagten Menschen in der Unterwerfung sehr einfach – er genießt das Glück der Geborgenheit, die Lust, für nichts verantwortlich zu sein und manchmal auch die Genugtuung, dass Fehler gesühnt werden. Selbstverständlich ist das kein „Lebensentwurf - – es bleibt ein Spiel, aber es verschafft dem Spieler Erleichterung.

Möglicherweise konnte ich euch ein wenig beruhigen, falls ihr ähnlich träumt oder ihr euch nach Unterwerfung sehnt. Es ist menschlich. Es ist ein Spiel, und es kann sehr entspannend sein.

Zugleich könnten meine Worte erklären, warum die erotische Strafe nach wie vor beliebt ist – der Spieler, der nach ihr giert, bekommt die volle und ungeteilte Aufmerksamkeit. Das mag euch absonderlich erscheinen, aber die Wege zur Erfüllung der Wonne sind nicht gradlinig. Wären sie es, so würden wie niemals miteinander spielen – und das wäre am Ende schon ziemlich langweilig.

Quellen:

"DER SPIEGEL" Zur Frage der Führungspersönlichkeiten.
Psychologische erläuterungen zu P-A-CH (El-Er-K).
Zahlen udn weitere Fakten: What Exactly Is an Unusual Sexual Fantasy?
Christian C. Joyal, PhD, Amélie Cossette, BSc, and Vanessa Lapierre, BSc, Department of Psychology, Université du Québec à Trois-Rivières, Trois-Rivières, Québec, Canada; Philippe-Pinel, Institute of Montreal, Montreal, Québec, Canada.



Bilder:

Oben: Anoynme Zeichnung, 1930er Jahre.
Mitte: Devote Frau, Künstlerdarstellung.
Unten Liebespaar, anonym, er devot, nachkoloriert.

Lust, Macht, Geld und Nöte – wie S/M in Verruf geraten kann

Nicht jede SM- Beziehung beruht auf Lust ...
"Lust, Macht, Geld und Nöte – wie S/M in Verruf geraten kann?" ist der vierte und letzte Teil eines mehrteiligen Beitrags zum Thema.

Jenseits der Vorurteile - ein dünner Partnermarkt und viele Hoffnungen

Wir haben im vorausgegangenen Teil gehört, dass wir ziemlich viele Vorurteile beiseiteschieben können: Tendenziell submissive Frauen bieten sich weder häufig als unterwürfig an, noch streben dominante Männer ausschließlich danach, Frauen zu beherrschen. Dennoch, auch das haben wir gehört, sei der Markt nicht ausgewogen. Nach wie vor gäbe es viel mehr unterwürfige Frauen und Männer, die eine Beziehung im S/M-Bereich suchen, aber dabei leer ausgehen.

Überraschend ist dies nicht. Wer auf den Pfaden der Unterwerfung wandeln möchte, sucht überwiegend erfahrene Menschen, die sich daran nicht bereichern wollen. Gerade diese Personen werden aber mit Angeboten überhäuft. Die meisten Wünsche können also im „privaten Bereich“ nicht erfüllt werden.

Das Zwielicht: Kontakte gegen Geld

Auf der Angebotsseite verbleiben dann für Männer erfahrene kommerzielle Anbieterinnen, sogenannte „Dominas“, die normalerweise verlässlich sind. Hinzu kommen gewöhnliche Prostituierte, die auch ein paar S/M-Rollen im Angebot haben – ihnen mangelt es oft an Erfahrung und an „Einfühlungsvermögen“, wie wir hörten. Auf der Seite fragwürdiger Angebote stehen aber vor allem Freizeit-Dominas, Trickserinnen, Betrügerinnen und Erpresserinnen.

Frauen sind besonders gefährdet

Für Frauen, die lustvoll unterworfen werden wollen, ist das Angebot deutlich geringer – sie müssen sich vor allem vor „echten Sadisten“ fürchten, aber auch vor anderen fragwürdigen Gestalten, die darauf aus sind, ihre Macht zu missbrauchen, unter ihnen viele Narzissten. Aus diesem Grunde suchen einige dieser Frauen ihr Glück bei den gleichen Frauen, die auch Männer „behandeln“. Dieser Weg gilt als ungefährlicher.

Warum die Sache mit den Beziehungen so hakelig ist

Die Frage nach den Möglichkeiten, Risiken und Chancen lässt sich aber auch ganz anders beantworten. Natürliche Dominanz und der Wunsch, die damit verbundene Macht auch einzusetzen und in Unterwerfung zu verwandeln, ist selten. Im Gegensatz dazu ist natürliche Unterwerfung ein alltägliches und mithin natürliches Geschehen, das in der Evolution fest verankert ist. In der Praxis gibt die/der Unterwürfige aber die Macht bewusst ab – mindestens während des Rollenspiels. Und genau dieser Wunsch tritt häufig auf, besonders bei gestressten Managerinnen oder Managern. Das heiß vereinfacht: Kaum eine dominante Persönlichkeit bietet sich für sexuelle Rollenspiele an.

Die Forscher im S/M-Bereich warnen dabei vor allem vor sogenannten „Sklavenverträgen“, die seit den „Shades of Grey“ in aller Munde sind. Dabei sind solche „Verträge“ gemeint, zu denen Unterwürfige genötigt werden. Diese Verträge sind ausgesprochen gefährlich, denn,

Täter und Täterinnen können solche Arrangements ausnutzen, um ihre Missbrauchsneigungen oder - vorhaben zu legitimieren oder anderweitig dafür Unterstützung zu finden..


Viele Frauen und Männer ziehen ohnehin vor, ihre S/M-Neigungen von ihrem Alltagsleben abzugrenzen und sie an einen anderen Ort zu verlegen. Dann wird ein Wochenende eingeplant, etwa so (1):

Für mich kommt nicht infrage, meine submissiven Neigungen in einer festen Beziehung auszuleben. Mein Alltag ließe das nicht zu – werde mein sozialer Status noch meine an sich stabilen Emotionen. Aber wenn dich die Neigung spüre, wird sie immer dringlicher. Dann unterwerfe ich mich einem Herrn, dem ich vertrauen kann. Möglichst weit weg von meinem Wohnort – und ich bemühe mich, die Spuren zu verwischen, die ich dabei hinterlasse. Die Spuren auf meinem Körper? Ich gehe nicht in die Sauna, schwimmen oder an den Strand …


Dating im S/M-Bereich – ein Zwischenbefund

Im Allgemeinen sind die Bedürfnisse der „nicht-getriebenen“ Partnersuchenden nicht so groß, dass sie S/M in den Vordergrund stellen. Jedoch hört man immer wieder, dass die Freude an „leichtem S/M“ heute bereits ein Plus bei der Partnersuche ist. Es ist also durchaus möglich, das sexuelle Spektrum mit „ganz gewöhnlichen Menschen“ auf S/M-Rollenspiele zu erweitern.

Klare Ansage: Außer in Singlebörsen, die sich auf S/M spezialisiert haben, gibt es kaum Menschen, die „mit der S/M-Tür“ ins Haus fallen. Tun sie dies dennoch, so sollten die Alarmglocken läuten. Jeder, der seriös über S/M schreibt, rät zur Vorsicht – insbesondere vor „echten Sadisten/Sadistinnen) und krankhaften Narzissten/Narzisstinnen.

Aber es lohnt sich aus einem anderen Grund, sich mit den eignen Möglichkeiten und Grenzen zu beschäftigen. Denn die Vorstellung, die Lüste zu erweitern ist bekannt: Die heimliche Lust am S/M Abenteuer liegt bei Frauen zwischen etwa einem Drittel bis zu zwei Dritteln, bei Männern zwischen 20 und 60 Prozent. Das sollte jedem zu denken geben, der sich sagt: „Ich werde niemals zulassen, dass…“. Denn wie schon gesagt: In Beziehung erweitern sich die Toleranzen – und die Angst, bloßgestellt zu werden, vergeht.

Teile dieses Beitrags wurden von Zitaten aus "Vice" inspiriert. (1) Ein Zitat wurde als anonym aus einem Forum übernommen, auf das wir nicht verlinken können Das Bild wurde aus einem historischen Werk entnommen und farblich etwas korrigiert.

Die Schläge der Lust - wie werden sie in die Zukunft verabreicht?

Eine bescheidene Warnung an empfindsame Leser(innen) zum Schluss der Artikelserie

Diese kleine Artikelserie behandelte ein Thema, das vielen Menschen befremdlich erscheint. Ersten betrifft er einen Umstand, den man in der guten Gesellschaft geflissentlich ignoriert, nämlich die Züchtigung. Und zweitens geht es hier unter anderem um ein Thema, das gemeinhin hin als „schmutzig“ angesehen wird.. Zum Dritten sind die vermeintlichen Opfer der Schläge oftmals junge Frauen, die sich in Zwickmühlen befinden. Aufgrund dieser Brisanz sollten den Artikel nur Menschen lesen, die entsprechend geläutert sind.

Rollenumkehr in der Literatur?

Der Niedergang der Spanking-Magazine für "schmutzige alte Männer"

In den 1990ern wurde der Vertrieb von Spanking-Magazinen im Vereinigten Königreich erschwert, aber zu diesem Zeitpunkt ließ die Attraktivität der Magazine ohnehin bereits nach. Hinzu kam der Wettbewerb aus verschiedenen Ländern, unter anderem aus den USA, den nordischen Ländern und manchem osteuropäischen Land, in dem pornografische Filme unter Einbeziehung von Züchtigungen recht üblich waren. Im neuen Millennium wurden zwar zahlreiche Magazine und Videos dieser Art produziert, die Veröffentlichung stieß aber an Grenzen, weil sich neue feministische Tendenzen ergaben, die diese Art von Pornografie einzudämmen versuchten. Seither werden mehr und mehr Videos produziert, in denen das F/F-Thema priorisiert wird, das schon dem legendären Irving Klaw zum Erfolg verhalf. M/M-Magazine und Videos hingegen interessieren so gut wie ausschließlich die „harte“ Szene der an Schlägen interessierten Homosexuellen.

Die Zukunft der Spanking-Storys

Man mag der Meinung sein, dass es grundsätzliche keine „Spanking-Pornografie“ geben müsse, ja, dass es grundsätzlich fragwürdig sei, das Bestrafen einer Person lustvoll auszuschlachten. Allerdings waren und sind die Fantasien darüber, sich zu unterwerfen, abwerten oder disziplinieren zu lassen, heute so intensiv wie in den vergangenen Epochen, als erotische Fantasien besonders heftig aufblühten. Sie scheinen menschlicher zu sein, als wir uns vorstellen - und vor allem wesentlich verbreiteter.

Neue Tendenzen - sadistische Frauenfantasien - masochistische Männerfantasien

Zudem werden zwei Tendenzen deutlich, die es schon früher gab, die aber immer wieder gedeckelt wurden: Frauen haben durchaus Tendenzen zum Sadismus, das heißt, auch sie haben Fantasien, Männer zu dominieren, zu schlagen oder sie erotischen Foltern auszusetzen. Und Männer sind zumindest in ihren Fantasien wesentlich unterwürfiger und lassen sich deshalb (ebenfalls in ihren Fantasien) gerne von Frauen entwürdigen, schlagen oder quälen. Dass beide nicht zusammenkommen, liegt einmal daran, dass es sich um Fantasien handelt und zum anderen, dass ihre Motive nicht zueinander passen. Den Romanautorinnen dürfte dies allerdings gleichgültig sein - sie sind ja darauf spezialisiert, wundersame Kontakte zu ermöglichen und sie in grellen Farben auszumalen.

Statt eines Epilogs - die Spanking-Literatur als Stehaufmännchen

In jeder Epoche erotischer Literatur oder entsprechender Filme wurden Züchtigungsszenerien totgesagt - und danach lebten sie dann doch wieder auf. Sie überstanden mehrerer Emanzipationswellen ebenso wie alle Erziehungsreformen. Über die Gründe dafür lässt sich trefflich spekulieren - vermutlich haben viele Menschen einfach den Wunsch, sich schmerzhaft dominieren zu lassen und dabei zu vergessen, was sie im Leben darstellen. So wurde in den 1990er Jahren, also bereits kurz nach dem Niedergang der „M/F-Spanking-Kultur“ wieder mit großem Erfolg an viktorianische Rituale angeknüpft - und diese Bücher richteten sich an gebildete Frauen, die das Internatsleben aus eigener Anschauung kannten. Die Bücher wurden ohne Illustrationen als preiswerte Taschenbücher im normalen Buchhandel verkauft. Sie waren also für typische Leserinnen gedacht. Als gar nichts mehr in dieser Richtung zu gehen schien, wurde ein Kitschroman zur BDSM-Romanze („50 Shades of Grey“) zu einem Welterfolg.

Was ist die nächste große Sache? Niemand weiß es. Nur eines spüren alle: Schilderungen von Vanille-Sex mit der „legalen Partnerin“ sind nicht aufregend genug, um die Leser(innen) vom Hocker zu reißen.

Hinweis: Zu allen Teilen dieses Artikels gibt es Zahlen, Daten und Fakten. Allerdings konnten einige der Umstände in dieser Artkeilserie nicht vollständig verifiziert werden, weil es es zwar sehr viel Literatur, aber kaum konkrete Fallschilderungen gibt.

Internate, Frauen, Schläge und schmutzige weiße Männer

Eine bescheidene Warnung an empfindsame Leser(innen)

Diese kleine Artikelserie behandelt ein Thema, das vielen Menschen befremdlich erscheint. Ersten betrifft er einen Umstand, den man in der guten Gesellschaft geflissentlich ignoriert, nämlich die Züchtigung. Und zweitens geht es hier unter anderem um ein Thema, das gemeinhin hin als „schmutzig“ angesehen wird.. Zum Dritten sind die vermeintlichen Opfer der Schläge oftmals junge Frauen, die sich in Zwickmühlen befinden. Aufgrund dieser Brisanz sollten den Artikel nur Menschen lesen, die entsprechend geläutert sind. Diese Artikelserie behandelt das Thema ausschließlich historisch (zwischen ca. 1890 und 1990) und reicht nicht in die Jetztzeit hinein.

Buchillustration gegen 1920 - Dame des Hauses und Dienstmagd

Erster Teil: Am Anfang stehen die Frau - in beiden Rollen

Historisch betrachtet besteht die deutliche Mehrheit der Strafenden in der klassischen erotischen Literatur aus Frauen, und ebenso handelt es sich bei den Gestraften zumeist um Frauen. Ist dies nicht der Fall, so wird zumindest versucht, die Geschichte aus der Perspektive einer Frau zu erzählen, die Züchtigungen gutheißt. Die Autorinnen und Autoren bemühen sich dabei zumeist, die erotisierende Stimmung der Züchtigung erotisch zu verdichten, was deutlich besser gelingt, wenn eine spannende, lustvoll-sinnliche Atmosphäre erschaffen wird. Mit Männern als strafende Personen ist die ungleich schwerer, da von ihnen keine Sinnlichkeit erwartet wird, sondern eher die als pervers empfundene Lust des Sadisten. Also nutzen professionelle Autoren wie auch Groschenheft-Schreiber gerne eine feminisierte Perspektive (1). Die Aussage, erotische Literatur sei Frauensache (2), gilt heute wie gestern, mögen die Gründe heute auch völlig andere sein als zur Viktorianischen Zeit.

Dies alles gilt auch für jene englischsprachigen Romane, in denen Frauen die Erziehungsgewalt über junge Männer durch Körperstrafen unterstreichen. Dabei wird die Frau in der Doppelrolle der lustvollen Verlockung und der strafenden Gouvernante gezeigt. Das Vorbild ergibt sich aus der „Petticoat Discipline“, bei der sich junge Männer, sich ganz und gar „dem Rock unterwerfen“ müssen. (3)

Die Erotik der „höheren Töchter“ und die Internate

Für beide Tendenzen gibt es gute Gründe. Einer ist sicherlich, dass es zahllose wahre oder jedenfalls klug nachempfundene Schilderungen der erotischen Überhitzung unter den „Höheren Töchtern“ gab, die eine Internatserziehung „genossen“. Sie beruht einerseits auf wirklichen Strafen, dann aber auch auf die romantisierte Liebe zu den Erzieherinnen. Diese wurden oft mit „Mademoiselle“ tituliert oder gleich als Französinnen bezeichnet. Ihre körperliche Nähe ließ sich auf verschiedene Art erschleichen - und am intimsten dadurch, dass sich die Internatsschülerinnen auf Strafen einließen. Die Intimität begann bereits mit der Prozedur der Entblößung, wobei die Schilderungen danach variieren, welche Kleidungsstücke gerade in Mode waren - oder ob die Damen einfach ihre Schuluniformen trugen.

Spiele mit Züchtigungen und lesbischer Liebe

Die Schwüle des Internats - ein beliebtes Thema in den 1930ern
Je nach der Epoche, in der die Geschichten spielten, mussten also Röcke, Unterröcke sowie andere Teile der Unterbekleidung entfernt werden, bevor die Prozedur beginnen konnte. Da die Züchtigungen meist mit einem „Anwärmen“ durch Handschläge verbunden waren, begannen die Züchtigungen oftmals mit körperlichen Kontakten, die das Gefühlsleben besonders beflügelten. Da wir die Details solcher intimen Züchtigungen nahezu ausschließlich der erotischen Literatur entnehmen können, ist niemals sicher, wo die Grenzen zwischen echten Strafen, gewillkürten Strafen oder intimen Begegnungen unter dem Vorwand der Bestrafung verliefen.

Es ist auch nicht sicher, ob es sich immer um „lesbische Liebe“ handelte, die all dies beflügelte, oder eher um die „Lust als solche“, die sich in allerlei skurrilen Formen äußerte. Die Sinneslust befriedigten die jungen Frauen jedenfalls oftmals, indem sie sich gegenseitig verführten oder sich den Erziehungsspielen untereinander hingaben, wobei ein Teil dieser Praktiken in der Fantasie noch deutlich erregender war als in der Praxis.

Die meisten Schilderungen von als erotisch empfundenen Züchtigungen an jungen Frauen wurde in Internate verlegt, einige in Erziehungsanstalten oder Zuchthäuser, später auch in militärische Einrichtungen. Dazu kam die häusliche Züchtigung, die ebenfalls rituell vollzogen wurden, wobei nun auch die Gouvernanten ins Spiel kommen, denn in den vornehmen Familien wurden die Töchter oder Söhne nicht von den Eltern geschlagen.

(wird fortgesetzt, lest jetzt über die begehrten Hefte für "ältere Gentlemen". )

(1) Beispielsweise im äußerst frivolen Roman "Beauty and The Birch", erschienen 1905.
(2) Eine Geschichte des sinnlichen Schreibens, Berlin 2014
(3) Exemplarisch in "Weiberherrschaft (Gynecocracy, 1883)
Bild oben ca.1920 (Oberteil) möglicherweise von Étienne Le Rallic

Bild Mitte ca. 1930 (Oberteil) von "Daisy Lennox" (Fontana).