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Das ICH, das Gehirn und ich

Ohne jeden Zweifel haben Säugetiere ein Gehirn, Primaten selbstverständlich auch, und sogar Menschen.

Die Frage ist, was „es“ tut. Und „es“ kann sehr viel, ohne dass wir etwas dazutun. Was „es“ noch nicht kann, kann „es“ lernen. Was wir optisch links sehen, ist optisch rechts, was wir oben sehen, ist optisch unten. Wie es ist, aufrecht zu gehen statt am Boden herumzukrabbeln, lernt „es“.

Ich habe die Neigung, dem Gehirn zu vertrauen. Danach folgen kybernetische Grundsätze, aber durchaus auch ökonomische und soziale Notwendigkeiten.

Nun macht all dies nicht „das Menschsein“ aus. Leider schreibe ich keine Bücher, und täte ich es, so würde so ein Buch über „das Menschsein“ zu meinen Lebzeiten kaum noch vollendet.

Was ist denn das ICH eigentlich wirklich?

Kürzlich wurde ich erinnert, dass es da noch ein ICH gibt. Nein, es ist mir nicht neu. Das philosophische ICH wird über das Denken definiert. Das psychologische ICH bezeichnet Instanzen des Bewusstseins. Selbst ziemlich ungebildete Menschen kennen das ICH und das ES, manche auch noch das ÜBER-ICH.

Doch was nützt es, diese recht unscharfen Instanzen zu kennen? Wir werden gelegentlich danach beurteilt, wie wir sie nutzen - ob wir sie nun kennen oder nicht. Wer Eric Berne kennt, weiß, wie man eine praktische Bedeutung aus dem ICH-Trio ableiten kann - für den Rest von uns ist es Bildungsbürgerwissen.

Doch all dies - wie immer wir es nennen - sagt im Grunde gar nichts aus. Denn wir werden, ob wir wollen oder nicht - ständig mit Prozessen konfrontiert. Das sind komplizierte Vorgängen, die auf ein Zusammenwirken vieler Komponenten der Existenz beruhen.

Verführt das ICH oder wird es verführt?

Nehmen wir eine Verführung. An ihr sind wenigstens zwei Personen beteiligt, also auch zwei ICHs. Eric Berne würden nun sagen, dass mindesten sechs ICHs am werkeln sind. Wenn die „sozial korrekte“ Verführung gelingen soll, muss ein Partner Bedürfnisse ansprechen, die der andere ohnehin hat, die aber im Moment nicht hervortreten. Was passiert also? Was tun die ICHs?

Die Antwort könnte Ronald D. Laing geben: „Sie spielen ein Spiel. Sie spielen damit, kein Spiel zu spielen.“

Ein Beobachter würde das Spiel ohne Zweifel erkennen. Den beiden Beteiligten wäre möglich, ganz „ICH“ zu sein, also der eigenen Taten voll bewusst.

Und nun die Frage: Was wäre diese Verführung, wenn beide im vollen Ich-Bewusstsein handeln würden? Sie wäre keine Verführung mehr, sondern ein Handel.

Ich bin froh, dass es Menschen gibt, die über die Sichtweise der Psychoanalyse hinausdenken. Sie sprechen dann von „Modellen des Selbst“ und nicht von „Strukturmodellen der Psyche“.

Das Fazit - ist Liebe eine Frage des ICH?

Wie war das also? Unser Gehirn lädt uns in der Sexualität zum Spielen ein. Es besitzt einen enormen Vorrat an Drogen, um uns entsprechend zu beeinflussen. Wir, also unsere bewussten ICHs, sind dabei kaum gefragt. Wir können das Gehirn ausbremsen, können die gewünschten Folgehandlungen sogar ablehnen. Das heißt: Wir können den Initiator des Spiels ignorieren.

Aber wir können nicht ändern, dass die Natur einen anderen Plan hat.

Offener Brief an DIE Frauen (oder doch an eine?)

Liebe Frauen,

Jeder von uns führt das Leben, das er führen kann – nicht alle von uns führen das Leben, das sie führen möchten. Kurz: Das Leben kann für jeden von uns hart sein.

Wir nehmen uns heraus, Meinungen über Frauen zu haben. Nicht über „die Frauen“, sondern über dich – dich dort und auch dich dahinten, die du jetzt distanziert am Bildschirm sitzt.

Das ist genau das, was ihr auch tut: Keine von euch weiß, wie „die Männer“ sind. Aber ihr wisst, wie der Mann neben euch ist, oder der Mann, dem ihr häufiger begegnet und dem Mann, der euch von einer Parkbank aus beobachtet. Also hört auf, von „den Männern“ zu reden – ihr machst euch lächerlich.

Ich lese aufmerksam:

Nur weil wir als Frauen existieren, heißt das nicht, dass wir … euch … etwas schulden. Wir sind auch Menschen und versuchen nur, unser Leben ohne Einmischung zu leben.

Hey, IHR schuldet UNS nichts. Aber WIR schulden EUCH auch nichts. Schuldverhältnisse entstehen durch Interaktionen, und die geschehen zwischen Individuen. Nicht zwischen „DEN Frauen“ und „DEN Männern“.

Wenn ich euch als DU gut finde, finde ich euch gut, und ich sage das. Und ich frage mich nicht, was IHR darüber denkt, wenn ich EUCH gut finde. Ich habe eine Meinung über konkrete Personen, nicht über EUCH. Und ich habe ein Recht, diese Meinung zu vertreten. Selbstverständlich beurteile ich dich, die du dort hinter dem Bildschirm sitzt oder die du mir im Warenhaus oder im Büro begegnest. Es ist mein gutes Recht, dies zu tun, und oft ist es eine Notwendigkeit. Und Achtung: Dabei spielt keine Rolle, ob du eine Frau oder ein Mann bist.

Und ach, was lese ich da? Ich habe „nett“ zu Frauen zu sein, wörtlich:

(Nur) … ein netter Kerl zu sein macht dich zu einem netten Kerl.

Um Himmels willen … ich bin nicht euer Haustier. Kein Mann (nun ja, kaum einer) will es sein. Wenn ihr einen „netten Kerl“ wollt, dann schafft euch einen Hund an. Und falls ihr einen Partner wollt, sei er Frau oder Mann, dann ertragt bitte schön, dass diese Person nicht allzeit „nett“ ist, sondern ein Mensch mit Ecken und Kanten.

Das gilt übrigens in jede Richtung: Kaum jemand will einen Menschen, der vor allem „nett“ ist – wegen der Langeweile, die von „netten“ Menschen auf Dauer ausgeht.

Am Ende lese ich:

Frauen muss nicht gesagt werden, was sie tun sollen, wie sie sich anziehen sollen, wie sie sich verhalten sollen und wie sie sich fühlen sollen. Wir schulden Männern nichts.

Wer sagt EUCH denn das? Männer? Ein Mann? Frauen? Eine Frau? Influencer(innen)? Redakteurinnen von Frauenzeitschriften? Freundinnen?

Ich bin mal gar nicht nett und sage zum Schluss dies:

Wer sich ständig darüber beklagt, wie er von anderen gesehen wird, sollte über sich nachdenken – nicht über die anderen. Falls es dich betrifft und zu dem Schluss kommst, dass bei dir alles OK ist – dann lebe damit, dass die Welt nicht so ist, wie du sie gerne hättest. Und der Satz richtet sich an Frauen wie an Männer.

Es schreibt euch: der Mann, der sagt, was er wirklich denkt – und nicht das, was ihr gerne hören würdet.

Gebhard Roese

Geschrieben als Antwort auf diesen Blogbeitrag, aus dem die Zitate stammen.