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Charme

Die Frau in der Werbung - erste Chance für selbstbewussten Charme
Charme - ist "Charme" eigentlich noch zeitgemäß?

Aus meiner Jugend erinnere ich mich, wie unsere Deutschlehrer zeigefingerhebend den Unterschied zwischen „Charme“ und „Anmut“ erklärten: „Anmut hat ein junges Mädchen und sie weiß es oft nicht, Charme hingegen hat eine reife Frau und sie weiß es sehr wohl.

Der Wortgebrauch - von der Begierde zur Grazie

Wir sehen mal nach Leipzig (1): Dort sammelt man auf recht eigenartige Weise den deutschen Wortschatz (1) und katalogisiert das Wort „Charme“ einmal unter "Lust verursachen“, dann unter „Wohlgefallen, Bewunderung und Schönheit“ und – selbstverständlich – auch unter „Liebe“.

Wir sehen sofort: Die Anmut hat’s den Leipzigern angetan. Sie taucht verdächtig oft als Synonym auf. Also schauen wir doch mal auf die Anmut - im 17. Jahrhundert (2)

Aus der Vorstellung begierlicher lust gieng aber später die heute allein geltende einer anziehenden, reizenden lust hervor, und schon Stieler (1691) legt anmut aus amabilitas (3), venustas (4); anmut ist uns nicht mehr das begehrende, sondern das begier anregende und befriedigende, die grazie.


Damals sagte man noch: der Anmut, und meinte die Begierde. „Anmut“ wird mit Begierde und dem eigen Willen gleichgesetzt – man sieht daran schon, dass ein gottesfürchtiger Mensch der damaligen Zeit überall die Sünde roch, wo "anmut" stand.

Die romantische Seelenhauch für das Wort Anmut im Bürgertum

Im Nachklang zum romantischen Zeitalter wurde die Anmut zu einem beherrschenden Thema der Lexika. Brockhaus will wissen (5):

Der individuelle Geist eines Menschen, seine Gefühle, sein Wollen und Denken gibt sich auch äußerlich in Mienen und Gebärden, überhaupt in seinen Bewegungen kund, und deren Schönheit ist Anmut.

Ausschließlich auf die Bewegung setzt Meyers Lexikon aus der gleichen Zeit (6):

Der Grund aber, dass uns Bewegung "anmutet", liegt darin, weil wir uns selbst nicht nur als körperlicher, sondern auch geistiger Bewegung (Gemüt) Fähiges kennen und daher überall, wo wir Bewegung wahrnehmen, nicht nur ein uns Verwandtes, d. h. gleich uns Beseeltes und Belebtes, ein "Gemüt", sondern auch, je wohlgefälliger uns die Bewegung anspricht, eine desto vollkommnere "Seele" als Urheberin der "seelenvollen" Bewegung vermuten.


Der etwas komplizierte Satz lässt sich so interpretieren: Nachdem die romantische Phase im bürgerlichen Zeitalter das Gemüt in den Vordergrund stellte, vermutete man in der „Anmut“ die Sprache der Seele. Dies galt auch in der Jungmädchenliteratur, denn "Tante Lisbeth" schrieb in ihrem "Anstandsbüchlein für junge Mädchen" im Jahr 1908 (7):

Anmut kann nicht gelernt werden; sie ist eben die Frucht eines frommen Herzens, der Ausdruck einer schönen Seele.


Vor der Anmut zum Charme

Heute finden wir weniger „Anmut“ in der Literatur, aber mehr Charme. Ich denke, dass Charme mit „sinnlicher Liebenswürdigkeit“ recht gut übersetzt werden kann. Gleichwohl wird der Begriff „Charme“ heute auch oft für einen „verborgenen Reiz“ benutzt. Wenn der Plan eines Politikers „Charme“ hat, dann ist er nicht reizlos, aber etwas ungewöhnlich.

Ist Charme wirklich noch aktuell?

Und warum setzen wir nun eigentlich „Charme“ ein oder eben auch nicht? Können wir auf „Charme“ nicht verzichten in einer Zeit, in der wir alles „konkret ansprechen“ sollen und uns dennoch zugleich dem Diktat von „Neusprech“ (auch soziale Korrektheit genannt) unterwerfen sollen?

Die Lösung bietet uns allerdings auch der moderne Sprachgebrauch: Wenn etwas „Charme“ hat, dann weicht es von „den üblichen“ Lösungen, Antworten oder Ergebnisse ab. Mit anderen Worten: Es ist nicht so langweilig wie „das Übliche“. Wir können auch lesen: Der Charme einer Sache, einer Eigenschaft oder einer Person wiegt andere Mängel auf.

Und nun kommen wir ans Eingemachte: Wie können wir uns gegen verbale Angriffe, Hetze, Verunglimpfung oder auch nur freche Übergriffe wehren? Durch Charme und Humor? Durch Argumente und Fakten? Durch Belehrungen und Revanche?

Ich denke, die meisten von uns werden es mit Humor und eben auch mit Charme versuchen.

Werbung und Charme
Und: Dürfen wir eigentlich noch „charmant“ sein? Ja, selbstverständlich. Warum eigentlich nicht? Normalerweise erreichen charmante Frauen mehr als „schöne“ Bilderbuch-Püppchen. Und charmante Männer schlagen Rüpel um Längen.

Eleganz, Grazie, Lebensart, Liebreiz, Faszination? Nichts trifft das erwünschte Verhalten so wie das Wort „Charme“.

Und um ein Bonmot zu gebrauchen: Schamvoll zu erröten, kann sehr charmant sein. Und das sogar, wenn du ansonsten sehr selbstbewusst bist.


(1) Leipzig (wortschatz)
(2) Grimms Deutsches Wörterbuch.
(3) amabilitas = Liebenswürdigkeit.
(4) venustas = Liebreiz, auch Lust(reiz).
(5) Brockhaus vor 1900
(6) Meyers vor 1900.(ebenfalls in der Retro-Bibliothek)
(7)Tante Lisbeth: Anstandsbüchlein für junge Mädchen. Regensburg ca. 1908.

Bild: Teil einer Werbung für Fotoapparate von Eastman, Original unten. Danke an: vintageadbrowser.

Der anständige Mann steht lange an

Die Mutti hat ihm gesagt, dass er „anständig“ zu Damen sein soll. Vor allem zurückhaltend, höflich und aufmerksam.

Irgendwann kommt der süße Bubi dann in Kontakt mit Damen, und er ist zurückhaltend, höflich und aufmerksam. Ab und an sagt ihm mal eine Dame mit schönem Augenaufschlag: „Ach, du bist so anständig, mein Guter, ich wünschte, du wärest mein Freund.“

Ja, ihr Freund. Aber nicht ihr Lover. Wer mit Frauen über das Thema spricht, dem schallt bald entgegen: „Ach, die meinen gar nicht, dass du zu anständig bist – du bist nur zu langweilig.“

Um nicht langweilig zu sein, muss der Mann dann also die Mutti ausblenden. Wie war das noch? Nicht zu zurückhaltend sein, auch Mal etwas direkt werden, und statt aufmerksam an ihren Lippen zu hängen, einfach mal zu sagen: „Ich weiß jetzt deinen Nick und deinen Namen – aber wie soll ich dich eigentlich im Bett nennen?“

Ja? Nein, das ist zu viel! Wer’s mal versuchen will bei einer Dame in reiferen Jahren wird bald ein tomatenrotes Gesicht sehen – und vielleicht bekommt der Mann gleich eine Ohrfeige, wenn er „so etwas“ sagt. Jedenfalls wird sie pikiert und aufs Höchste beleidigt sagen: „Ich darf doch wohl ein Mindestmaß an Anstand erwarten.“

Ja, ja, „Anstand ist eine Mindestvoraussetzung“, tönt es uns da entgegen, „den darf man als Frau immer von einem Mann erwarten.“ Und „keine Frau weist dich ab, weil du zu anständig bist.“ Höchstens weil du so bescheuert bist, zu glauben, dass Anstand wirklich zählt, du Trottel.

Na. Mann, hat’s geklingelt? Ob sie schon ein feuchtes Höschen spürt oder nur "sanft flügelschlagende Schmetterlinge" im Bauch hat, ja selbst, wenn sie noch gar nicht so genau weiß, was gerade mit ihr geschieht oder nicht geschieht. Sie erwartet,, dass du nicht zu „anständig“ bist, weil sie will, dass du sie begehrst. Und ein anderer Satz, um das auszudrücken, heißt „Sie will wissen, dass du Interesse hast, sie zu vögeln.“ Wenn sie es weiß, kann sie dich entweder süffisant abweisen oder aber mit in die Heia nehmen – daran dann merkst du, ob sie selbst selbst Anstand hat. Hat sie keinen, wird sie, wie bereits erwähnt, tomatenrot anlaufen, dir eine Kleben oder schimpfend und lamentierend den Kaffeehaustisch verlassen.

Mann, höre: Eine Dame darf erröten – das ist ein Privileg, das ich die Frauen bis heute herausnehmen. Ist sie selbstbewusst, so wird sie „Nein“ sagen oder auch „Ja“ oder „Später“ oder „es ist noch zu früh dafür.“ Sollte sie aber ausflippen, dann ist vor allem das Eine mal klar: Diese Frau ist keine Dame, sie hat keinen Anstand, und sie ist kein Umgang für einen Mann wie dich.

Ein Mann mit zu viel „Anstand“ steht lange an. Und wenn du dich auch immer ganz hinten anstellst und brav bist, und tust, was die Deerns sagen, dann erreichst du nie etwas – so wahr ich Gramse heiße.