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Männliche Sexualität – die Wurzel aller Mythen

Der Trieb - in Lust gewandelt
Die Wurzel allen Übels, so glaubten viele Generationen in zahllosen Epochen der Menschheitsgeschichte, läge im zügellosen Sexualtrieb des Mannes. Im bürgerlichen Zeitalter, das wir noch reaktiv genau zurückverfolgen können, war dies ein viel beachtetes Thema.

Der Trieb, den es nicht geben durfte

Dem jungen Mann wurden dabei viele Auflagen gemacht. Die wichtigste und für diese Betrachtung wohl die interessanteste war, dem Trieb nicht nachzugeben. Denn die Triebenergie sollte anderen Bereichen zufließen: der Wehrkraft, der Arbeitsleistung und der geistigen Konzentration. Sobald also der junge Mann in der Lage, war, seinen Penis zu heben und sein Sperma über die Prostata in die Umwelt zu bugsieren, läuteten überall die Glocken: „Wir müssen ihn daran hindern.“ Ob Irrenarzt oder Pfaffe, Schulmeister oder Sportlehrer: Alle waren der Meinung, dass es schädlich sei, der einsamen Lust zu frönen, die damals noch „Onanie“ genannt wurde. Und wer gar die „Triebabfuhr“ bei Frauen suchte, wurde sofort belehrt, dass Frauen normalerweise edle Wesen seien, die dergleichen nicht wünschten. Und diejenigen, die es dennoch taten, waren nichts wert, weil sie es „mit jedem trieben“.

Du sollst Frauen lieben - aber ohne den Trieb, bitte schön

Die Sache war allerdings nicht ganz risikolos. Denn obgleich Eltern, Großeltern, Onkel, Tanten, Erzieher, Lehrherren, Pfaffen und eben auch Ärzte vor dem Übel der Onanie und des Geschlechtsverkehrs warnten, verlangten sie doch, dass sich der Knabe „für Mädchen interessierte“. Mit Argusaugen wurde beobachtet, ob sich der Jüngling nach und nach „Mädchen“ näherte, sie harmlos umwarb und „errötend ihren Spuren folgte“.

Das angebliche Risiko, zur "mannmännlichen" Liebe verführt zu werden

Der Grund wurde nur hinter vorgehaltener Hand kundgetan: Es gab immer wieder Gerüchte und Vermutungen, dass die den Knaben auferlegte sexuelle Abstinenz von bestimmten „bösen Männern“ ausgenützt werden könnte, um sie vom rechten Weg abzubringen. Man vermutete damals noch sehr intensiv, dass junge Männer zur „mannmännlichen Liebe“ (1) wie es zu Anfang noch hieß, verführt werden könnten.

Da saß er also zwischen den Stühlen: Der Trieb ließ sich nicht ewig unterdrücken, und Erleichterung durfte nicht sein – nicht allein, nicht mit Frauen und schon gar nicht mit Männern. Statt dessen musste er „Mädchen“ behandeln wie überirdische Wesen oder wie Schwestern – beides entsprach der üblichen Norm.

Allein gelassene mit dem Trieb und niemals sinnlich geschult

Die Frage, die sich eigentlich ergeben sollte, wurde so gut wie nie gestellt: „Wie kann die zügellose Lust in ein sinnliches Vergnügen gewandelt werden, sodass der Knabe als erwachsener Mann sowohl Lust genießen wie auch Lust schenken kann?“

Mir scheint alle Mythen, Ansichten, Vorurteile und Diffamierungen, die wir Männer ertragen müssen, beruhen einzig auf dieser Tatsache: Der Trieb ist da, aber wird nicht kultiviert, verfeinert und sensibilisiert. Wie denn auch? Eine Lehrzeit für die Verfeinerung der Lust war nicht geplant, und „solide“ Frauen, ohnehin meist nicht sonderlich mit erotischen Praktiken vertraut, lehnten entsprechende Begegnungen ab. Zu Huren zu gehen, war verpönt, und sonstige Möglichkeiten, mit erfahrenen Frauen in Kontakt zu kommen, waren sehr begrenzt. Und weil all dies so war (und oftmals noch so ist), lernte der junge Mann nichts, außer dem, was er von Natur aus kann: Einen steifen Penis bekommen und Sperma verspritzen.

Nahezu alles, was wir heute an „Mythen über männliche Sexualität“ lesen, beruht auf dieser simplen Tatsache: Ein Trieb, der nicht sinnlich kultiviert wurde, bleibt ein Trieb. Oder: Ein Schlingfresser wird kein Gourmet.

Ich hoffe, Sie verlangen nicht, dass ich wissenschaftliche Beweise für diese Thesen erbringe. Fragen Sie einfach Männer, wo, wann und wie sie sinnlichen Genuss erlernt haben.

(1) Ausdrücke wie "Homosexualität" sind neueren Datums.
mythos mannTop-Thema: Männliche Sexualität und Mythen - in der Liebeszeitung - wo sonst?