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Krisen-BH

In der Krise ... ist das Beste gerade gut genug ... (1915)
Jede Dame wird anerkennen, dass dieses duftige Gebilde zugleich auch das Höchste an Eleganz und Zweckmäßigkeit darstellt, das man von einem derartigen Toilettengeheimnis fordert.

Wie man in Corona-Zeiten Behauptungen aufstellt

Die Welt vom hohen Ross aus gesehen
Ich habe mir – teils aus beruflicher Sicht – einige Gedanken gemacht, wie Behauptungen in die Welt gebracht werden. Hier findet ihr einen Auszug der „New York Times“. Eine seriöse Zeitung, ohne Zweifel. Und auch die Autorin ist seriös. Dennoch ist der Artikel fragwürdig.

Der Aufbau der Behauptung: Das Virus bringt uns etwas Gutes

Erster Schritt: Nenne eine Tatsache, die jeder akzeptieren wird, Zitat:

Wenn Sie Single sind und sich verabreden, stehen Sie während dieser schrecklichen Pandemie zweifellos vor besonderen Herausforderungen.

Zweiter Schritt: Der ungeheure Experte, der ich bin (nein, nicht ICH) ist im Besitz einer universellen Wahrheit (Zitat):

Aber als biologischer Anthropologe, der rund 40 Jahre lang die Liebe Liebe auf der ganzen Welt studiert hat und dazu die Vorgänge im Gehirn … (bei) dieser alten und universellen menschlichen Leidenschaft (…). habe ich erkannt, dass das Coronavirus Ihnen in gewisser Weise ein Geschenk gemacht hat.

Dritter Schritt: Im dritten Schritt stellt man Nebensachen in den Vordergrund – das spricht vor allem Menschen am, die sich ohnehin unsicher sind (Zitat)

Die Pandemie hat, selbst wenn dies vorübergeht, zwei der größten Herausforderungen des heutigen Datings gelöst: Sex und Geld.

Man kann nachlesen, wie die Autorin darauf kommt, und wird feststellen: "Alte Schule", alles etwas angejahrt, ja, beinahe schon leicht staubig. Die Mütter der heutigen Partnersuchenden, sofern sie US-Amerikanerinnen sind, werden sie ja noch verstehen.

Der Rest des Artikels besteht dann aus ein bisschen Wissenschaft, ein bisschen Forscher-Arroganz und ziemlich viel Meinungen über das, was heute stattfindet und was nach Meinung der Autorin eigentlich sein sollte.

Der Artikel endet so (letztes Zitat):

So bizarr es klingt, diese Pandemie kann zu glücklicheren und dauerhafteren Partnerschaften im Zeitalter nach Corona führen
.

Reines Meinungsbild - die "Fakten" sind nur Beigaben

Als Argumente wird wieder benutzt, was auch andere „glauben“, aber nicht wissen, nämlich dass eine lange Vorbereitungszeit ohne physisches Treffen bereits zu einer starken inneren Bindung führen könnte.

Könnte. Oder auch nicht. Oder irgendetwas anderes. Ich habe meine Gründe, Dating-Experten zu misstrauen, gleich, ob sie Anthropologen, Psychologen oder Soziologen sind.

Merke: Nur Menschen, die in der aktuellen Situation Partner suchen, können wir als Experten erst nehmen. Alle anderen reden vom hohen Ross herunter. Ich bin nicht frei davon und – nun ja, auch nicht mehr ganz taufrisch. Aber ich bin immer noch ein Beobachter der „Graswurzeln“ in der Partnersuche.

Der ungeheure Aufwand, „Poly“ zu lieben

Poly: Absprachen sind nötig
Kaum eine Frauenzeitschrift, die sich nicht für das Thema „Poly“ interessiert, obgleich „Poly“ nur von wenigen Paaren (1) wirklich praktiziert wird. Und in dem Wort mischen sich ohnehin Träume und Realitäten. Von der „offenen Beziehung“ bis zu Seitensprüngen, von „Dreierbeziehungen“ bis zu „Polyamorie“. Und ein sogenanntes „Sugar Baby“, das drei Sugar-Papis hat, ist nach eigener Auffassung ebenso „polyamorisch“ wie ein Mann, der sich einen Pseudo-Harem heranzieht.

Wenn schon, dann müssen einige Voraussetzungen stimmen. Diese einfache Tatsache wird zumeist von der „Bewegung“ der „Mehrfachliebenden“ verschwiegen.

Viele Voraussetzungen - doch werden sie auch eingehalten?

Neben wirtschaftlicher Unabhängigkeit aller Personen, die daran beteiligt sind, wirklicher Gleichheit und bester emotionaler Stabilität ist es vor allem die Kommunikation, die ständig „über kreuz und über quer“ aufgenommen und fortgeführt werden muss, wie Susanne Kohts im Brigitte-Interview richtig anmerkt:

So eine "Triade" ist oft emotional und kommunikativ herausfordernd, weil man sich immer wieder neu abstimmen muss. Man braucht regelmäßig Updates mit sich selbst und den anderen: Wie geht es mir gerade, wo gehen wir weiter, wo nicht?

Das heißt: es ist selten oder gar nicht in Ordnung, nur einmal abzusprechen, was geht und was nicht. Wer „anders leben“ will, muss dies ständig mit den Menschen absprechen, mit denen sie/er zu leben beabsichtigt. In eine „polyamorische“ Beziehung einzutreten, heißt also nicht, sich den Gegebenheiten einer Geheimgesellschaft unterzuordnen, sondern darüber zu verhandeln, was für jeden der Beteiligten „geht“ und „was nicht geht“.

Keine Frage – das ist nicht einfach zu ertragen, denn außer dem Beruf und möglichen anderen Lebensaufgaben, die schwer genug zu bewältigen sind, kommt noch etwa hinzu: Der Aufwand, sich ständig über die eigenen Emotionen wie auch über die Emotionen der anderen klar zu werden.

Schöne neue Welt? Hölle mit permanenter Nabelschau? Ich weiß nur so viel: Schon mit sich selbst ständig „einig“ zu sein, erfordert Kraft – sich mit einem Partner und sich selbst einig zu werden, erfordert die doppelte Kraft, aber man bekommt auch etwas zurück. Ob sich der Aufwand mit der Einbeziehung jeder weiteren Person potenziert? Ich weiß es nicht. Aber ich könnte mir vorstellen, dass sich das Glück dadurch nicht beliebig vermehren lässt.

(1) Am Anfang steht meist ein festes Paar.