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Sexualaufklärung durch Pornografie?

Nicht jede Filmszene im Bett ist "pornografisch"
Sexualität muss Offenheit vertragen – das ist die Essenz eines Artikel in der “TeenVogue”, denn die spricht aus, was ohnehin die Spatzen von den Dächern pfeifen. Selbst sehr junge Frauen informieren sich nicht mehr über die traditionellen Kanäle der Sexualaufklärung, sondern über Pornografie – was keinesfalls zu befürworten ist.

Das Problem ist schnell erkannt: Pornografie interessiert die jungen Mädchen nicht wirklich - aber sie suchen nach der Wahrheit, die ihnen von Eltern und Erziehern vorenthalten wird. Denn Sex-Ed, also Sexualkundeunterricht, bleibt in der Schule naturgemäß an der Oberfläche. Das Ziel ist zu wissen, wie alles ganz genau funktioniert, insbesondere, in welche Situationen der Mensch beim Sex kommt und was dabei wünschenswert ist.

Nun ist Pornografie allerdings ein schlechter Lehrmeister. Denn in hier wird zu rau, zu direkt und zu übertrieben gezeigt, was körperliche Liebe bedeutet. Zudem kommen ständig Praktiken zum Einsatz, mit denen gerade junge Frauen völlig überfordert sind – zum Beispiel mit Fellatio.

Doch was ist der beste Weg, um etwas über Sexualität zu lernen? Das sei ganz einfach, meint eine namhafte Expertin. Man müsse mehr über Sex sprechen, und zwar offen und öffentlich. Denn ob es sich um Sexualität dreht oder um irgendwelche anderen sozialen oder emotionalen Fragen – immer gilt, dass nur die Wahrheit uns die Freiheit gibt, uns zu entwickeln, wie und wohin wir wollen.

Frauen: Wahre Liebe oder wilde Triebe?



Früher war die Sache einmal einfach, jedenfalls wenn man forensischen Psychiater Freiherr Richard von Krafft-Ebing Glauben schenken will. Er war der festen Überzeugung, das Weib (ja, so sagte man damals) habe keinen eigenen sexuellen Antrieb, wörtlich:

Ist … (das Weib) … geistig normal entwickelt und wohlerzogen, so ist sein sinnliches Verlangen ein Geringes … Es verhält sich passiv. Es liegt dies in seiner sexuellen Organisation und nicht bloß in den auf dieser fußenden Geboten der guten Sitten begründet“.


Offenbar hat der Herr Psychiater die „sexuelle Organisation“ der Frauen falsch eingeschätzt, was man ihm als Kind des 19. Jahrhunderts verzeihen mag. Sie ist nämlich vor allem darauf ausgerichtet, Männer anzulocken, zu verlocken und letztendlich dazu zu bewegen, etwas biologisch höchst Wertvolles zu tun: Sie zu beschlafen. Es mag ja sein, dass dies seit Jahrhunderten, vielleicht gar seit Jahrtausenden, nicht mehr so recht deutlich wurde: Konnte der Landbesitzer in der Bibel seine Töchter noch gegen viel Geld oder Arbeitsleistung an interessierte Jünglinge verhökern, ohne sie zu fragen, so musste der Bürger der Krafft-Ebingschen Epoche bereits kräftig draufzahlen, um die Töchter an den Mann zu bringen – gefragt wurden sie wieder nicht. Im Grunde war die gesamte Partnerwahl in jener Epoche eine lächerliche Farce, die mit Romantikkitsch umgeben wurde. Dazu gehörte auch, dass die Töchter zu sagen hatten, sie würden nur aus Liebe heiraten.


Frauen im Bürgertum: Keine Liebe und mieser Sex

Wahre Liebe? Reine Liebe? Die keusche, romantische Liebe? Die Frau des 19. Jahrhunderts wusste vor ihrer Heirat weder, was Liebe ist, noch, was Sexualität bedeutete. Sie wusste nur, dass sie ihrem Ehemann die Liebe schuldete und das sie seine sexuellen Übergriffe ertragen musste. Dazu war keine "sexuelle Organisation" nötig, sondern lediglich die Unterwerfung unter das System „gutes Bürgertum“.

thamar, orientalisch gesehen
Es gab immer Ausnahmen, sogar in der Bibel. Die biblische Thamar setzte ihren Anspruch auf Geschlechtsverkehr mit einem Trick durch. Im Bürgertum fanden Frauen zahlreiche Lücken, um sowohl vorehelichen wie auch außerehelichen Geschlechtsverkehr auszuüben, wovon insbesondere Eduard Fuchs in seiner illustrierten Sittengeschichte Zeugnis ablegt: Bürgerfrauen gingen ohne Scham fremd, solange man dem Ehemann die Kinder unterschieben konnte, und Bürgertöchter versuchten, ihre sexuellen Reize als "Halbjungfern" zu vermarkten.

Dennoch schwanken Frauen in der Liebe auch in der vergangenheit oft zwischen Rosen und Dornen. Sanfte Sinnlichkeit auf der einen Seite, wilde und verwegene Lüste auf der anderen sind die Tatsachen, mit denen sich Männer des 21. Jahrhunderts abfinden müssen – und zwar jenseits aller Trends.

Ähnlich wie beim Marquis de Sade: Frauenfantasien

Mögen die Teenies heute auch noch „süße Jungs“ verehren und sogar, wie gerade im Moment, von lächerlichen Kitschvampiren schwärmen, die weder Küsse noch Bisse verlangen, so ändern sich diese Vorstellungen schnell, wenn die Hormone einmal in besserem Einklang mit der Psyche sind – nach Auskunft moderner Hirnforscher etwa ab dem 25. Lebensjahr.

Nicht wissenschaftlich bewiesen, aber außerordentlich gut durch Fakten belegbar, ist die Geilheit der über 40-jährigen Frauen, die nicht nur hemmungslos an den Sex herangehen, sondern auch Fantasien erdenken, die denen des Marquis de Sade nahe kommen. Bereits das, was in Befragungen zugegeben wird, sprengt die Vorstellungskraft der „guten Gesellschaft“, und das, was wirklich fantasiert wird, ist so pornografisch, dass es uns hier versagt bleiben muss, darüber zu schreiben. Insbesondere die Erduldung und Ausübung von körperlicher Gewalt spielt in den Fantasien erwachsener Frauen offenbar eine größere Rolle, als man sich dies in der Welt der „offiziellen“ Öffentlichkeit vorstellt, und auch Rollenspielfantasien aller Art sowie gleichgeschlechtliche Begegnungen unter besonderen Bedingungen sind offenbar die Renner im Bereich weiblicher Fantasien. Einen kleinen, aber für viele Leserinnen erschreckenden Einblick mag dieser Artikel Ihnen geben (in englischer Sprache).

Was nicht sein darf, kann natürlich auch nicht sein. Die Gesellschaft weigert sich, die gewachsenen Realitäten anzuerkennen und hält mindestens teilweise an der „reinen, unschuldigen Frauenseele“ fest, die zwar nicht mehr so ist wie bei Krafft-Ebing, aber eben doch noch ein bisschen konservativ, gleich, wie die Modellgeberin heißt: Allenthalben wird versucht, ein Frauenbild aufrecht zu erhalten, das sich die Wohlanständigkeit anzieht wie ein Korsett – und das erinnert dann doch wieder fatal an die bürgerliche Gesellschaft des 19. Jahrhunderts.

Damit ich nicht falsch verstanden werde: Ich weiß so wenig wie Sie, liebe Leserin und lieber Leser, wie eine ideale Gesellschaftsordnung aussehen mag und wie Frauen und Männer in ihr mit ihren Fantasien umgehen sollten. Aber ich hasse die Lüge, dass Frauen die edlere Sorte Menschen sind.

Bild oben: © 2006 by zenera
Bild links oben: Judah und Thamar von Horace Vernet, 1840
Bild links unten: Ausschnitt aus einem Film von Erika Lust